Fondspolice oder ETF-Sparplan: Wann lohnt sich der Steuermantel trotz hoher Abschlusskosten?

Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Entscheidung ist keine Glaubensfrage, sondern eine präzise Break-Even-Rechnung: Eine Fondspolice übertrifft einen ETF-Sparplan nur unter sehr spezifischen Bedingungen.

  • Hohe Kosten von oft über 1,5 % p.a. in Policen zerstören den Zinseszinseffekt und können das Endvermögen um bis zu 45 % reduzieren.
  • Der Steuervorteil (Halbeinkünfteverfahren) ist signifikant, amortisiert die Kosten aber oft erst nach 15 bis 25 Jahren.
  • Eine vorzeitige Kündigung führt durch die Vorab-Verrechnung der Abschlusskosten (Zillmerung) fast immer zu Verlusten.

Empfehlung: Eine Fondspolice als Nettotarif (ohne Provision) kann sich für Anleger mit einem Anlagehorizont von über 25 Jahren lohnen. Für alle anderen ist der flexible und kostengünstige ETF-Sparplan in der Regel die überlegene Wahl für den Vermögensaufbau.

Die Wahl der richtigen Strategie für die private Altersvorsorge ist eine der wichtigsten finanziellen Entscheidungen, die Anleger in Deutschland treffen müssen. Auf der einen Seite steht der flexible, transparente und kostengünstige ETF-Sparplan, der sich als Standard für den langfristigen Vermögensaufbau etabliert hat. Auf der anderen Seite lockt die fondsgebundene Rentenversicherung, oft als „Fondspolice“ oder „Versicherungsmantel“ bezeichnet, mit einem unbestreitbaren Hauptargument: einem signifikanten Steuervorteil in der Auszahlungsphase. Doch viele Anleger fühlen sich in diesem Dilemma gefangen. Die gängige Meinung ist oft polarisiert: ETFs sind einfach und billig, Fondspolicen kompliziert und teuer.

Diese oberflächliche Gegenüberstellung greift jedoch zu kurz. Die entscheidende Frage ist nicht, *ob* eine Fondspolice teurer ist, sondern *ab wann* der kumulierte Steuervorteil die über die gesamte Laufzeit anfallenden Mehrkosten überkompensiert. Es handelt sich um eine präzise Break-Even-Analyse. Statt einer pauschalen Empfehlung verfolgt dieser Artikel einen analytischen Ansatz: Wir zerlegen die beiden Produkte in ihre Kernbestandteile – Kosten, Steuern, Flexibilität und langfristige Rendite. Wir quantifizieren die Effekte und zeigen Ihnen, unter welchen konkreten Bedingungen sich der teure Versicherungsmantel rechnet und wann Sie mit einem schlichten ETF-Depot besser fahren.

Dieser Beitrag führt Sie durch die entscheidenden Faktoren Ihrer Entscheidung. Wir beginnen mit dem zentralen Versprechen der Fondspolice – dem Steuervorteil – und stellen diesem die oft verheerende Wirkung der Kosten gegenüber. So erhalten Sie eine fundierte, zahlenbasierte Grundlage, um die für Ihren persönlichen Anlagehorizont und Ihre finanzielle Situation optimale Wahl zu treffen.

Warum Sie erst ab 62 Jahren steuerfrei an die Erträge kommen (Halbeinkünfteverfahren)

Das Hauptargument für eine Fondspolice ist die steuerliche Begünstigung bei der Auszahlung. Während Erträge aus einem ETF-Sparplan der Abgeltungsteuer unterliegen, profitieren Sie bei einer Fondspolice unter bestimmten Voraussetzungen vom sogenannten Halbeinkünfteverfahren. Diese Regelung greift, wenn der Vertrag mindestens 12 Jahre gelaufen ist und die Auszahlung frühestens mit Vollendung des 62. Lebensjahres erfolgt. In diesem Fall ist die Hälfte Ihrer Kapitalerträge komplett steuerfrei. Die andere Hälfte wird mit Ihrem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert, der im Rentenalter oft niedriger ist als im Erwerbsleben.

Der Unterschied ist erheblich: Bei einem ETF-Sparplan werden auf die Erträge (nach Abzug der Teilfreistellung von 30 % für Aktienfonds) pauschal 26,375 % Abgeltungsteuer inklusive Solidaritätszuschlag fällig. Bei der Fondspolice hingegen wird nur die Hälfte der Erträge (nach Abzug der Teilfreistellung von 15 % für Aktienfonds) mit dem persönlichen Steuersatz belegt. Eine Beispielrechnung verdeutlicht das: Laut einer Analyse von ETF Versicherung 24 fallen bei 100.000 € Gewinn und einem persönlichen Steuersatz von 25 % nur 12,5 % Steuern auf den Gesamtertrag an, im Gegensatz zu den 26,375 % bei einem ETF-Depot.

Die folgende Tabelle stellt die effektive Besteuerung gegenüber und zeigt, wie sich die unterschiedlichen Freistellungen und Steuersätze auswirken.

Vergleich der Besteuerung: ETF-Sparplan vs. Fondspolice
Kriterium ETF-Sparplan Fondspolice (ab 62 Jahre)
Steuerbasis 70% der Erträge (30% Teilfreistellung) 42,5% der Erträge (15% Teilfreistellung + Halbeinkünfte)
Steuersatz 26,375% (Abgeltung + Soli) Persönlicher Steuersatz (oft 20-35%)
Effektive Besteuerung bei 25% pers. Steuersatz 18,46% 10,625%

Sonderfall Erbschaft: Steuerfreie Übertragung

Ein oft übersehener Vorteil der Fondspolice liegt im Todesfall. Während die im ETF-Depot aufgelaufenen, noch nicht realisierten Gewinne der Erbschaftsteuer unterliegen und von den Erben bei Verkauf versteuert werden müssen, sind Todesfallleistungen aus einer fondsgebundenen Rentenversicherung komplett einkommensteuerfrei. Zudem können Begünstigte direkt im Vertrag benannt werden, wodurch das Vermögen schnell und unkompliziert außerhalb des Testaments übertragen wird.

Wie finden Sie Policen, die günstige ETFs statt teurer aktiver Fonds zulassen?

Der größte Steuervorteil nützt nichts, wenn er durch hohe Kosten und renditeschwache Fonds aufgezehrt wird. Historisch waren Fondspolicen oft mit teuren, aktiv gemanagten Fonds bestückt, die selten den Markt schlagen konnten. Moderne, gute Policen bieten jedoch eine breite Auswahl an kostengünstigen ETFs von namhaften Anbietern wie iShares, Xtrackers oder Vanguard. Die Herausforderung für Anleger besteht darin, diese „guten“ Verträge von den „schlechten“ zu unterscheiden, die immer noch am Markt weit verbreitet sind.

Ein kritischer Blick ist unerlässlich, wie der Finanzexperte Prof. Dr. Hartmut Walz warnt. Er weist auf die Praktiken mancher Finanzvertriebe hin, die weiterhin extrem teure Produkte verkaufen:

Ein großer deutscher Strukturvertrieb ‚verkloppt‘ massenhaft Fondspolicen mit jährlichen Kosten von 3%. Die von Ihnen genannten ‚1,1% – 1,5% Effektivkosten‘ sind ja noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

– Prof. Dr. Hartmut Walz, Blogbeitrag über Fondspolice oder ETF-Sparplan

Um nicht in eine solche Kostenfalle zu tappen, müssen Sie gezielt nach den richtigen Merkmalen suchen. Eine transparente Kostenstruktur und eine hochwertige Fondsauswahl sind die wichtigsten Kriterien. Lassen Sie sich nicht von Hochglanzbroschüren blenden, sondern fordern Sie konkrete Informationen und Dokumente an. Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen und die Qualität einer ETF-Police zu bewerten.

Ihr Prüfplan für eine gute ETF-Police

  1. Fondsuniversum anfordern: Verlangen Sie die vollständige Liste aller verfügbaren Fonds und ETFs mit ihrer internationalen Wertpapierkennnummer (ISIN).
  2. Kosten analysieren: Fordern Sie das Produktinformationsblatt (PRIIP-KID) an und achten Sie auf die Effektivkostenquote, die alle Kosten zusammenfasst.
  3. ETF-Anbieter prüfen: Stellen Sie sicher, dass große, kostengünstige Anbieter wie Vanguard, iShares oder Amundi mit einer breiten Auswahl an Welt-ETFs vertreten sind.
  4. Flexibilität klären: Fragen Sie nach der Anzahl der kostenlosen Fondswechsel (Switches) pro Jahr und den Bedingungen für ein automatisches Rebalancing.
  5. Vertragsart identifizieren: Klären Sie, ob es sich um einen Provisionstarif (Bruttopolice) oder einen provisionsfreien Honorartarif (Nettopolice) handelt, da dies die Kostenstruktur massiv beeinflusst.

Ab welcher Laufzeit holt der Steuervorteil die 1 % Versicherungskosten wieder rein (Break-Even)?

Dies ist die zentrale Frage bei der Entscheidung zwischen Fondspolice und ETF-Sparplan. Der Steuervorteil ist das Ziel, die höheren Kosten sind der Preis dafür. Der Break-Even-Punkt ist der Moment, in dem die Summe der eingesparten Steuern die Summe der über die Jahre gezahlten Mehrkosten übersteigt. Dieser Zeitpunkt hängt entscheidend von zwei Faktoren ab: der Höhe der jährlichen Kosten der Police und der angenommenen Marktrendite.

Eine Fondspolice verursacht mehrere Kostenschichten: Abschluss- und Vertriebskosten, Verwaltungskosten für den Versicherungsmantel und die laufenden Kosten der enthaltenen ETFs (TER). Ein günstiger ETF-Sparplan hat hingegen nur die TER. Selbst eine sehr gute und günstige Nettopolice (Honorartarif) hat schnell Gesamtkosten von 0,8 % pro Jahr, während ein ETF-Sparplan bei ca. 0,2 % liegt. Diese Differenz von 0,6 % pro Jahr muss durch die Steuerersparnis am Ende der Laufzeit wieder aufgeholt werden.

Analysen zeigen, dass der Anlagehorizont extrem lang sein muss. Eine Untersuchung von Fondspolicen-Analyse.de kommt zu einem klaren Ergebnis: Bei 0,8 % Gesamtkosten und 7 % Rendite liegt der Break-Even nach etwa 15 Jahren. Bei teureren Policen mit 1,8 % Kosten verschiebt sich dieser Punkt sogar auf über 25 Jahre. Das bedeutet: Nur wenn Sie sicher sind, den Vertrag mindestens 20-25 Jahre oder länger zu besparen, haben Sie eine realistische Chance, dass sich der Versicherungsmantel überhaupt lohnt.

Zeitstrahl mit Münzen zeigt Break-Even-Punkt zwischen Fondspolice und ETF-Sparplan

Die Visualisierung macht deutlich: In den ersten Jahren und Jahrzehnten liegt der ETF-Sparplan aufgrund der niedrigeren Kosten immer vorn. Die „Kostenschere“ öffnet sich. Erst weit in der Zukunft, wenn der Zinseszinseffekt ein großes Vermögen aufgebaut hat und der steuerliche Vorteil auf hohe Gewinne wirkt, kann die Fondspolice aufholen und den Sparplan überholen. Jeder Prozentpunkt an zusätzlichen Kosten verlängert diesen Aufholprozess dramatisch.

Die Falle der Bindung: Warum Sie Fondspolicen nicht für den Hauskauf nutzen sollten

Die lange Laufzeit, die für das Erreichen des Break-Even-Punktes notwendig ist, birgt gleichzeitig die größte Gefahr der Fondspolice: die mangelnde Flexibilität. Ein ETF-Depot kann jederzeit und ohne Nachteile aufgelöst werden; Sie verkaufen Ihre Anteile zum aktuellen Kurswert. Eine Fondspolice hingegen ist ein langfristiger Vertrag, dessen vorzeitige Kündigung fast immer mit empfindlichen finanziellen Verlusten verbunden ist. Der Hauptgrund dafür ist die sogenannte Zillmerung.

Bei diesem Verfahren werden die hohen Abschluss- und Vertriebskosten, die oft mehrere tausend Euro betragen, nicht auf die gesamte Laufzeit verteilt, sondern mit den Einzahlungen der ersten fünf Jahre verrechnet. Wenn Sie also in den ersten Jahren kündigen, ist Ihr Vertragsguthaben (der Rückkaufswert) oft deutlich geringer als die Summe Ihrer eingezahlten Beiträge. Sie machen einen garantierten Verlust. Eine Recherche der Verbraucherzentrale Hamburg belegt dies eindrücklich.

Fallbeispiel: Hohe Verluste bei vorzeitiger Kündigung

Eine Analyse von Rentenversicherungen der Axa, die von der Verbraucherzentrale Hamburg durchgeführt wurde, zeigt die drastischen Folgen. Bei einer Kündigung nach fünf Jahren erhielten Kunden oft weniger als die eingezahlten Beiträge zurück, was einem Verlust von bis zu 20 % entspricht. Selbst nach zehn Jahren lag der Rückkaufswert in vielen Fällen noch unter dem Wert, den ein einfacher ETF-Sparplan im gleichen Zeitraum erzielt hätte.

Das Leben ist unvorhersehbar. Jobverlust, Scheidung oder der Wunsch nach einem Eigenheim können einen kurzfristigen Kapitalbedarf auslösen. Eine Fondspolice ist für solche Zwecke völlig ungeeignet. Sie ist ein reines Altersvorsorgeprodukt. Die statistische Realität zeigt, dass die meisten Anleger die erforderliche Disziplin nicht aufbringen. Eine von der BaFin durchgeführte Studie zeigt, dass bei Verträgen mit 40 Jahren Ansparphase über 70 % der Kunden vorzeitig aussteigen. Diese hohe Kündigungsquote macht das Geschäft für die Versicherer lukrativ und für die Kunden zu einem Verlustgeschäft.

Wie nutzen Sie den kostenlosen Fondswechsel (Shifting) für Rebalancing ohne Steuerabzug?

Während die mangelnde Flexibilität bei der Kündigung ein großer Nachteil ist, bietet der Versicherungsmantel eine andere Art von Flexibilität, die ein entscheidender Vorteil sein kann: die Möglichkeit zum steuerfreien Fondswechsel, auch „Shifting“ genannt. In einem normalen ETF-Depot löst jeder Verkauf von Fondsanteilen zur Realisierung von Gewinnen (z. B. beim Rebalancing) eine Steuerpflicht aus. Sie müssen auf die realisierten Gewinne Abgeltungsteuer zahlen, was Ihr reinvestierbares Kapital schmälert und den Zinseszinseffekt bremst.

Innerhalb einer Fondspolice finden alle Umschichtungen in einer steuerneutralen Zone statt. Sie können Gewinne aus einem stark gelaufenen Aktien-ETF mitnehmen und in einen Anleihen-ETF umschichten, ohne dass der Fiskus darauf zugreift. Erst bei der finalen Auszahlung am Vertragsende wird abgerechnet. Dies ermöglicht ein strategisches und effizientes Portfoliomanagement über die gesamte Laufzeit.

Makroaufnahme von verschiedenfarbigen Glasmurmeln symbolisiert Portfolio-Umschichtung

Diese Möglichkeit des steuerfreien Rebalancings ist ein mächtiges Werkzeug für disziplinierte Anleger. Es erlaubt eine aktive Steuerung des Risikos, insbesondere in den Jahren vor dem Renteneintritt. Folgende Strategien lassen sich damit umsetzen:

  • Lifecycle-Strategie: In jungen Jahren eine hohe Aktienquote von z.B. 90 % fahren und diese in den letzten 10 Jahren vor Rentenbeginn schrittweise und steuerfrei auf eine sicherere Quote von 50 % reduzieren.
  • Antizyklisches Rebalancing: Nach starken Kursanstiegen Gewinne steuerfrei sichern und in unterbewertete Anlageklassen umschichten.
  • Fonds-Optimierung: Von einem teurer gewordenen aktiven Fonds in einen günstigeren ETF wechseln, ohne dass dafür Steuern anfallen.

Die meisten guten Policen bieten eine bestimmte Anzahl kostenloser „Switches“ pro Jahr an. Es ist wichtig, diese vertragliche Regelung vor Abschluss zu prüfen. Der steuerfreie Switch ist einer der stärksten Pluspunkte der Police, der jedoch nur zum Tragen kommt, wenn man den Vertrag auch langfristig hält.

Die verheerende Wirkung von 2 % Kosten auf Ihren Zinseszinseffekt über 30 Jahre

Die Debatte über Kosten wirkt oft akademisch. Ob ein Produkt 0,5 % oder 1,5 % pro Jahr kostet, klingt nach einem marginalen Unterschied. Doch über lange Anlagezeiträume entfaltet dieser Unterschied eine gewaltige, zerstörerische Kraft auf den Zinseszinseffekt. Jedes Jahr werden die Kosten direkt von Ihrem Vermögen abgezogen, bevor es sich weiter verzinsen kann. Dieser Effekt potenziert sich über die Jahrzehnte und führt zu massiven Vermögensverlusten.

Stellen Sie sich zwei Schneebälle vor, die einen Hügel hinabrollen. Einem wird jedes Jahr ein kleines Stück abgetragen, dem anderen nicht. Am Anfang ist der Unterschied kaum sichtbar, doch am Ende des Hügels ist der eine ein riesiger Ball, der andere nur noch eine bescheidene Kugel. Genau das passiert mit Ihrem Vermögen. Berechnungen des Finanzexperten Hartmut Walz zeigen, dass 2 % jährliche Kosten das Endvermögen nach 30 Jahren um etwa 45 % reduzieren, verglichen mit einem sehr günstigen ETF-Sparplan mit nur 0,2 % Kosten, bei ansonsten gleicher Marktrendite. Fast die Hälfte Ihres potenziellen Vermögens wird von den Kosten „aufgefressen“.

Der folgende Vergleich, basierend auf Daten von Finanzberater Nico Hüsch, verdeutlicht den Unterschied in Euro und Cent. Er zeigt das Endvermögen nach 30 Jahren bei einer monatlichen Sparrate von 100 € und einer angenommenen Rendite von 7 % p.a. für drei verschiedene Produktkategorien.

Endvermögen nach 30 Jahren bei 100€ Sparrate
Produkttyp Gesamtkosten p.a. Vermögen nach 30 Jahren bei 100€/Monat
Günstiger ETF-Sparplan ~0,25% ~115.000€
Günstige Nettopolice ~0,8% ~102.000€
Teure Provisionspolice >2% ~75.000€

Die Zahlen sprechen für sich: Die teure Provisionspolice vernichtet rund 40.000 € Ihres Vermögens im Vergleich zum ETF-Sparplan. Selbst die günstige Nettopolice kostet Sie immer noch über 13.000 € an Rendite. Diese Differenz ist der Preis für den späteren Steuervorteil und die Möglichkeit des steuerfreien Rebalancings. Ob sich dieser Preis lohnt, ist die Kernfrage, die nur eine individuelle Break-Even-Analyse beantworten kann.

Provisionsberatung oder Honorartarif: Wo bleibt mehr Rente für Sie übrig?

Die Kosten einer Fondspolice werden maßgeblich von der Art des Abschlusses bestimmt: über einen Provisionsvermittler oder einen Honorarberater. Dies ist die entscheidende Weichenstellung, die über Tausende von Euro an Endvermögen entscheidet. Bei einer klassischen Provisionspolice (Bruttopolice) erhält der Vermittler eine hohe Abschlussprovision vom Versicherer, die über die Zillmerung in den ersten Jahren von Ihren Beiträgen finanziert wird. Dies führt zu den hohen Anfangsverlusten bei Kündigung.

Im Gegensatz dazu steht die Nettopolice, die im Rahmen einer Honorarberatung abgeschlossen wird. Hier zahlen Sie dem Berater ein einmaliges, transparentes Honorar für seine Dienstleistung. Dafür entfallen die teuren Abschluss- und Vertriebskosten im Vertrag komplett. Die laufenden Verwaltungskosten sind ebenfalls deutlich niedriger. Dieser Ansatz führt zu einer faireren Kostenstruktur und einem signifikant höheren Endvermögen für den Anleger.

Kostenvergleich: Provisions- vs. Nettopolice über 30 Jahre

Ein konkretes Rechenbeispiel eines Finanzdienstleisters zeigt den gewaltigen Unterschied: Eine Provisionspolice mit 4 % Abschlusskosten und höheren laufenden Gebühren führt nach 30 Jahren zu einem Endkapital von rund 228.000 €. Eine vergleichbare Nettopolice mit nur 0,6 % laufenden Kosten, für die ein einmaliges Beraterhonorar von 3.000 € gezahlt wurde, erreicht im selben Zeitraum ein Endkapital von 265.000 €. Der Mehrertrag von 37.000 € zeigt, dass sich das Honorar bereits nach etwa 8 Jahren durch die eingesparten laufenden Kosten amortisiert hat.

Der Unterschied liegt nicht nur in den Kosten, sondern auch in der Beratungsqualität und den Interessen des Beraters. Ein Provisionsvermittler hat einen Anreiz, das Produkt mit der höchsten Provision zu verkaufen. Ein Honorarberater wird für seine Expertise bezahlt und hat daher ein Interesse daran, das für den Kunden beste und kostengünstigste Produkt zu finden. Er haftet zudem stärker für die Qualität seiner Empfehlung, während der Provisionsvermittler oft nur eine formell korrekte Abwicklung sicherstellen muss.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kosten sind entscheidend: Der größte Feind Ihrer Rendite sind hohe Kosten. Eine teure Provisionspolice (über 1,5 % p.a.) ist fast immer eine schlechte Wahl und vernichtet einen erheblichen Teil Ihres Endvermögens.
  • Steuervorteil braucht Zeit: Der Vorteil des Halbeinkünfteverfahrens ist real, aber er benötigt einen sehr langen Anlagehorizont (oft 20-25+ Jahre), um die höheren Kosten einer Police auszugleichen.
  • Flexibilität hat ihren Preis: Der ETF-Sparplan bietet maximale Flexibilität. Die Fondspolice bindet Ihr Kapital langfristig; eine vorzeitige Kündigung führt durch hohe Stornokosten (Zillmerung) fast immer zu Verlusten.

ETF-Sparplan einrichten: Wie wählen Sie den richtigen Ausführungstag für maximalen Zinseszins?

Sollte die Analyse ergeben, dass der flexible und kostengünstige ETF-Sparplan für Sie die bessere Wahl ist, rücken andere Optimierungsfragen in den Fokus. Eine häufig diskutierte Frage unter Anlegern ist die nach dem optimalen Ausführungstag für den Sparplan. Sollte man am 1. oder am 15. des Monats investieren, um von potenziell günstigeren Kursen zu profitieren? Die Annahme ist, dass Kurse zu Monatsanfängen, wenn viele Gehälter fließen und Sparpläne ausgeführt werden, tendenziell höher sein könnten.

Umfangreiche historische Analysen liefern hier jedoch eine klare und für viele überraschende Antwort: Es ist völlig egal. Backtests über 20 Jahre und mehr zeigen, dass der gewählte Ausführungstag statistisch keinen signifikanten Einfluss auf die langfristige Rendite hat. Der Unterschied liegt im Bereich von weniger als 0,1 % pro Jahr und ist somit vernachlässigbar. Sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen, ist eine Form von „Mikro-Optimierung“, die von den wirklich wichtigen Hebeln ablenkt.

Die Energie, die Anleger in die Debatte um den Ausführungstag stecken, wäre weitaus besser in die Faktoren investiert, die den Zinseszinseffekt tatsächlich massiv beeinflussen. Anstatt sich im Detail zu verlieren, sollten Sie sich auf die fundamentalen Treiber Ihres Vermögensaufbaus konzentrieren.

Plan zur Maximierung Ihres Zinseszinseffekts

  1. Sparrate dynamisieren: Erhöhen Sie Ihre Sparrate bei jeder Gehaltserhöhung um mindestens 50 % des Netto-Mehrbetrags.
  2. Sonderzahlungen investieren: Leiten Sie Boni, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld nicht auf das Girokonto, sondern investieren Sie diese direkt und vollständig in Ihren Sparplan.
  3. Steuerfreibetrag nutzen: Schöpfen Sie den Sparerpauschbetrag von 1.000 € (bzw. 2.000 € für Verheiratete) jährlich durch gezielte Verkäufe und sofortige Neukäufe (Steuer-Harvesting) aus, um Gewinne steuerfrei zu stellen.
  4. Konsistenz durch Automatisierung: Richten Sie einen Dauerauftrag oder Sparplan ein und fassen Sie ihn nicht an. Kontinuierliches, automatisiertes Investieren schlägt jeden Versuch des Market-Timings.
  5. Kosten minimieren: Wählen Sie einen Broker mit niedrigen Ordergebühren und ETFs mit einer geringen Gesamtkostenquote (TER) von unter 0,25 % pro Jahr.

Die Konzentration auf diese fundamentalen Hebel, anstatt auf irrelevante Details, ist der Schlüssel zum Erfolg. Es ist wichtig, die wahren Stellschrauben für den langfristigen Vermögensaufbau zu kennen und zu bedienen.

Um die für Ihre persönliche Situation und Ihren Anlagehorizont optimale Entscheidung zu treffen, ist eine detaillierte Berechnung Ihrer individuellen Kosten- und Steuerlast unerlässlich. Dies bildet die Grundlage für einen soliden und erfolgreichen Vermögensaufbau für das Alter.

Geschrieben von Dr. Markus Richter, Steuerberater und Fachberater für Internationales Steuerrecht mit Fokus auf GmbH-Gestaltung und Unternehmensfinanzierung. Spezialisiert auf Bilanzanalyse und steuerliche Abschreibungsstrategien.