Veröffentlicht am März 15, 2024

Entgegen der Annahme, dass mehr ETFs automatisch mehr Sicherheit bedeuten, führt die unreflektierte Sammlung oft zu gefährlichen Klumpenrisiken.

  • Die Kombination populärer Indizes wie MSCI World, Nasdaq 100 und Technologie-ETFs führt zu einer massiven Übergewichtung weniger Tech-Giganten.
  • Vermeintlich unterschiedliche Anlagen wie Immobilien-Aktien (REITs) und offene Immobilienfonds bergen oft identische Zins- und Marktrisiken.

Empfehlung: Werden Sie zum Portfolio-Architekten. Analysieren Sie die tatsächlichen Überschneidungen und Korrelationen in Ihrem Depot, anstatt nur weitere ETFs hinzuzufügen.

Viele ETF-Anleger wiegen sich in falscher Sicherheit. Das Depot ist gefüllt mit einer Handvoll, manchmal sogar einem Dutzend verschiedener ETFs. Ein MSCI World für die globale Streuung, ein Nasdaq 100 für die Technologieführer, vielleicht noch ein Branchen-ETF für Zukunftstrends und ein Schwellenländer-ETF zur Abrundung. Auf dem Papier sieht das nach breiter Diversifikation aus. Doch in der Realität bauen viele Sammler, ohne es zu ahnen, gefährliche Klumpenrisiken auf und schaffen eine Scheinsicherheit, die im nächsten Marktabschwung teuer werden kann. Die weit verbreitete Annahme „viel hilft viel“ ist einer der grössten und kostspieligsten Irrtümer in der privaten Geldanlage.

Die wahre Kunst der Risikostreuung liegt nicht in der Anzahl der Produkte, sondern in der durchdachten Struktur des Gesamtportfolios. Es geht um eine bewusste Portfolio-Architektur, die auf der Analyse von unsichtbaren Zusammenhängen und versteckten Überschneidungen basiert. Haben Sie sich jemals gefragt, wie stark die Positionen in Ihrem Depot tatsächlich miteinander korrelieren? Wissen Sie, welche Anlageklassen dazu neigen, zu steigen, wenn Ihre Aktien fallen? Die Antwort auf diese Fragen ist der Schlüssel zur echten, robusten Diversifikation.

Doch was, wenn der Kern des Problems nicht die Auswahl der ETFs, sondern die grundlegende Strategie dahinter ist? Dieser Artikel bricht mit der Vorstellung, dass das Sammeln von ETFs ausreicht. Wir werden Sie anleiten, wie ein Portfolio-Architekt zu denken. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die verborgenen Risiken in Ihrem Depot aufdecken, die trügerische Scheindiversifikation entlarven und eine Anlagestruktur aufbauen, die diesen Namen auch wirklich verdient. Es ist an der Zeit, vom passiven ETF-Sammler zum aktiven Gestalter Ihrer finanziellen Zukunft zu werden.

Für alle, die einen schnellen visuellen Überblick bevorzugen, fasst das folgende Video die Kernkonzepte zusammen, wie man in turbulenten Marktphasen strategisch investiert – eine perfekte Ergänzung zu den detaillierten Strategien in diesem Leitfaden.

Dieser Leitfaden ist strukturiert, um Sie schrittweise vom Erkennen des Problems bis zur Umsetzung konkreter Lösungen zu führen. Wir beginnen mit der Analyse der häufigsten Fehler und bauen darauf auf, um Ihnen die Werkzeuge für eine überlegene Portfolio-Konstruktion an die Hand zu geben.

Warum Sie Apple und Microsoft dreimal im Depot haben, wenn Sie MSCI World, Nasdaq und Tech-ETF mischen

Das Kernproblem vieler ETF-Depots ist das unbemerkte Klumpenrisiko. Anleger kombinieren Indizes in dem Glauben, ihr Risiko zu streuen, erreichen aber das genaue Gegenteil. Ein klassisches Beispiel ist die Mischung aus einem MSCI World ETF, einem Nasdaq 100 ETF und einem spezialisierten Technologie-ETF. Auf den ersten Blick decken Sie damit „die Welt“, „US-Tech“ und „Zukunftstechnologien“ ab. In Wahrheit aber kaufen Sie die gleichen dominanten Unternehmen – vor allem Apple, Microsoft und Amazon – immer und immer wieder. Jedes dieser Unternehmen ist bereits eine Top-Position im MSCI World, dominiert den Nasdaq 100 und ist selbstverständlich auch in jedem Tech-ETF prominent vertreten.

Diese Überschneidung führt zu einer massiven Übergewichtung des Technologiesektors und einiger weniger Aktien. Ihr Portfolio-Erfolg wird damit überproportional abhängig von der Entwicklung einer Handvoll US-amerikanischer Tech-Giganten. Eine Korrektur in diesem Sektor würde Ihr vermeintlich breit diversifiziertes Portfolio empfindlich treffen. Die Diversifikation ist hier nur eine Illusion. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Analyse des Klumpenrisikos, dass die Top-Aktien wie Apple, Microsoft, Amazon, Tesla, Google und Facebook bereits einen erheblichen Teil der Marktkapitalisierung vieler globaler Indizes ausmachen, oft an die 50% in manchen Konstellationen.

Um diese versteckten Risiken sichtbar zu machen, müssen Sie Detektiv im eigenen Depot spielen. Es reicht nicht, die Namen der ETFs zu kennen; Sie müssen in die Tiefe gehen und die grössten Einzelpositionen jedes einzelnen Fonds analysieren und vergleichen. Nur so können Sie die wahre Gewichtung einzelner Unternehmen in Ihrem Gesamtportfolio ermitteln und fundierte Entscheidungen treffen, anstatt sich auf die trügerische Sicherheit einer langen ETF-Liste zu verlassen.

Ihr Aktionsplan: So decken Sie Klumpenrisiken auf

  1. Bestandsaufnahme: Listen Sie alle ETFs in Ihrem Portfolio mit ihren jeweiligen Top-10-Positionen und deren prozentualem Anteil auf. Diese Informationen finden Sie im Factsheet des ETF-Anbieters.
  2. Dopplungen identifizieren: Gehen Sie die Listen durch und markieren Sie alle Unternehmen, die in mehr als einem ETF auftauchen. Sie werden schnell die üblichen Verdächtigen erkennen.
  3. Gesamtgewichtung berechnen: Addieren Sie die prozentuale Gewichtung jedes doppelt vorhandenen Unternehmens über alle Ihre ETFs hinweg. Berechnen Sie dafür den Anteil des ETFs am Gesamtportfolio multipliziert mit dem Anteil der Aktie im ETF.
  4. Analyse und Entscheidung: Bewerten Sie das Ergebnis. Ist die Konzentration auf eine einzelne Aktie oder eine Branche höher, als Sie es für angemessen halten? Falls ja, erwägen Sie, einen der sich überschneidenden ETFs zu reduzieren oder durch einen thematisch unabhängigeren Fonds zu ersetzen.
  5. Regelmässige Überprüfung: Machen Sie diesen Prozess zu einer jährlichen Routine. Die Zusammensetzung von Indizes ändert sich, und damit auch Ihre versteckten Klumpenrisiken.

Wie finden Sie Anlageklassen, die steigen, wenn Aktien fallen?

Echte Diversifikation bedeutet, Vermögenswerte zu besitzen, die sich möglichst unabhängig voneinander entwickeln. Das Fachwort hierfür ist negative oder niedrige Korrelation. Ziel eines Portfolio-Architekten ist es, Anlageklassen zu identifizieren, deren Wert idealerweise steigt, wenn der Aktienmarkt fällt. Diese „Krisen-Profiteure“ wirken wie ein Stossdämpfer und stabilisieren das gesamte Depot in turbulenten Zeiten. Die Suche danach ist der Kern eines robusten Risikomanagements.

Der klassische Gegenpol zu Aktien sind hochwertige Staatsanleihen von Ländern mit höchster Bonität, wie zum Beispiel deutsche Bundesanleihen. In Krisenzeiten findet oft ein sogenannter „Flight-to-Quality“ statt: Grosse institutionelle Anleger verkaufen risikoreiche Aktien und flüchten in den sicheren Hafen dieser Anleihen, was deren Kurse antreibt. Dies war während der Eurokrise 2011-2012 eindrucksvoll zu beobachten: Während der deutsche Leitindex DAX rund 15 % verlor, stiegen die Kurse deutscher Staatsanleihen im Schnitt um 8 %. Diese gegenläufige Bewegung ist der sichtbare Beweis für echte Diversifikation.

Visualisierung der gegenläufigen Bewegung von Staatsanleihen und Aktien in Krisenzeiten

Wie dieses Prinzip der negativen Korrelation in der Praxis wirkt, zeigt sich deutlich in der Portfolio-Struktur. Eine weitere bekannte Anlageklasse mit geringer Korrelation zu Aktien ist Gold. Obwohl seine Rolle komplexer ist, wie wir später sehen werden, dient es vielen Anlegern als „Versicherung“. Eine Beimischung von Gold kann die Gesamtschwankungen (Volatilität) eines reinen Aktienportfolios erheblich senken. Es geht also nicht darum, die renditestärkste Anlage zu finden, sondern diejenige, die im richtigen Moment Stabilität liefert und so das Gesamtergebnis schützt.

Einfach alles kaufen oder gezielt auswählen: Welcher Ansatz bringt mehr Sicherheit?

Nachdem wir das Problem der Klumpenrisiken erkannt haben, stellt sich die strategische Frage: Wie baut man ein wirklich diversifiziertes Portfolio auf? Zwei grundlegende Philosophien stehen sich gegenüber. Der erste Ansatz ist die maximale Streuung nach dem Motto „Kaufe den ganzen Heuhaufen“. Hierbei investiert man über einen einzigen ETF wie den FTSE All-World in tausende Unternehmen weltweit, gewichtet nach deren Börsenwert (Marktkapitalisierung). Der Vorteil: Einfachheit und geringe Kosten. Der Nachteil: Man übernimmt die Klumpenrisiken des Marktes, insbesondere eine hohe Konzentration auf US-Aktien, die oft 60 % oder mehr des Index ausmachen.

Der zweite Ansatz ist der eines Portfolio-Architekten: die gezielte Auswahl und Gewichtung von Regionen und Anlageklassen. Statt der Marktkapitalisierung kann man beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Massstab für die wirtschaftliche Relevanz einer Region heranziehen. Ein nach BIP gewichtetes Portfolio würde den Anteil der USA drastisch reduzieren und den der Schwellenländer deutlich erhöhen, um deren wachsende wirtschaftliche Bedeutung besser abzubilden. Dieser Ansatz erfordert mehr Aufwand, da man mehrere regionale ETFs kombinieren und regelmässig anpassen (rebalancieren) muss. Die Hoffnung ist, dadurch eine robustere und potenziell renditestärkere Struktur zu schaffen.

Überraschenderweise ist die komplexere Lösung nicht immer die bessere, wie Johannes Bock in seiner Promotion an der Warwick Business School feststellte: „Simple Diversifikationsregeln sind nicht ineffizient. Ein gleichgewichtetes Portfolio übertrifft oft komplexe Optimierungsmodelle.“ Die Wahl hängt letztlich von den persönlichen Zielen ab: Maximale Einfachheit oder maximale Kontrolle und die Bereitschaft, eine aktivere Rolle als Portfolio-Architekt einzunehmen.

Der folgende Vergleich zeigt die fundamentalen Unterschiede zwischen einem marktbreiten Ansatz, einer BIP-gewichteten Strategie und dem bekannten „All-Weather“-Portfolio von Ray Dalio, das auf maximale Sicherheit bei geringerer Rendite ausgelegt ist. Die Daten basieren auf Analysen gängiger Musterportfolios.

Marktkapitalisierung vs. BIP-Gewichtung: Rendite-Risiko-Vergleich
Strategie Erwartete Rendite p.a. Volatilität USA-Anteil Schwellenländer-Anteil
FTSE All-World (Marktkapitalisierung) 7-8% 15% 60% 10%
BIP-gewichtetes Portfolio 7-9% 17% 25% 40%
Ray Dalio All-Weather 5-6% 8% 15% 5%

Die Gefahr der Über-Diversifikation: Ab welcher Quote schadet zu viel Streuung Ihrer Rendite?

Während mangelnde Streuung riskant ist, existiert auch das Gegenteil: die Über-Diversifikation. Dies ist der Punkt, an dem das Hinzufügen weiterer Positionen zum Portfolio keinen nennenswerten zusätzlichen Sicherheitsgewinn mehr bringt, aber die potenzielle Rendite verwässert und die Komplexität sowie die Kosten unnötig erhöht. Viele Anleger glauben fälschlicherweise, dass der Sprung von 500 auf 5.000 Aktien ihr Risiko nochmals drastisch senkt. Die moderne Portfoliotheorie zeigt jedoch ein anderes Bild.

Der grösste Teil des Diversifikationseffekts wird bereits mit einer relativ kleinen Anzahl von Anlagen erreicht, vorausgesetzt, diese sind nicht stark miteinander korreliert. Wie die klassische Portfoliotheorie belegt, flacht der risikomindernde Effekt bereits bei etwa 15 bis 20 unkorrelierten Positionen stark ab. Jede weitere Aktie, die Sie hinzufügen, reduziert das Gesamtrisiko nur noch marginal. Das spezifische Risiko einzelner Unternehmen ist dann bereits weitgehend eliminiert; was bleibt, ist das allgemeine Marktrisiko, das durch weitere Streuung innerhalb der gleichen Anlageklasse nicht weiter reduziert werden kann.

Ein praktisches Beispiel liefert der deutsche Robo-Advisor Quirion. Für seine Kunden investiert er in ein extrem breites Portfolio von rund 8.000 Unternehmen weltweit, um maximale Diversifikation zu erreichen. Eine interne Analyse ergab jedoch, dass die zusätzliche Risikoreduktion im Vergleich zu einem bereits breiten Portfolio mit 3.000 Titeln (wie es ein MSCI World + EM abbildet) nur noch verschwindend geringe 0,3 % beträgt. Gleichzeitig steigen durch die Abbildung so vieler kleiner Werte potenziell die Handelskosten und der Tracking Error. Der Grenznutzen jeder weiteren Position sinkt rapide gegen null. Für Privatanleger bedeutet das: Der Versuch, durch das Sammeln unzähliger Nischen-ETFs „noch sicherer“ zu werden, ist oft ein Trugschluss, der die Rendite schmälert und das Depot unübersichtlich macht.

Wie gewichten Sie Regionen nach BIP statt nach Börsenwert?

Die Entscheidung, ein Portfolio nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) statt nach der Marktkapitalisierung zu gewichten, ist ein bewusster Schritt weg von der passiven Marktlogik hin zu einer aktiven architektonischen Gestaltung. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass die wirtschaftliche Stärke einer Region langfristig ein besserer Indikator für zukünftiges Wachstum ist als der aktuelle Börsenwert, der oft von Hypes und Spekulationen getrieben wird. Die Umsetzung erfordert eine Abkehr von Ein-ETF-Lösungen und den Aufbau eines Portfolios aus mehreren regionalen Bausteinen.

Der Prozess beginnt mit der Beschaffung der aktuellen globalen BIP-Daten, die beispielsweise vom Internationalen Währungsfonds (IWF) regelmässig veröffentlicht werden. Eine typische Verteilung könnte so aussehen: USA ca. 25 %, China ca. 18 %, EU ca. 15 %, Japan ca. 5 % und der Rest der Welt die übrigen 37 %. Diese prozentualen Zielwerte bilden die Blaupause für Ihr Portfolio. Im zweiten Schritt wählen Sie passende, kostengünstige UCITS-ETFs für jede dieser Regionen aus. Das könnten beispielsweise ETFs auf den MSCI USA, MSCI China, STOXX Europe 600 und MSCI Japan sein. Für den „Rest der Welt“ kann man einen Schwellenländer-ETF (ohne China) und einen Pazifik-ex-Japan-ETF kombinieren.

Abstrakte Darstellung der globalen BIP-Verteilung für ETF-Portfolios

Der entscheidende letzte Schritt ist das jährliche Rebalancing. Da sich die Wertentwicklung der regionalen ETFs unterscheiden wird, verschieben sich die Gewichte in Ihrem Portfolio mit der Zeit. Um zur ursprünglichen BIP-Gewichtung zurückzukehren, verkaufen Sie Anteile der überdurchschnittlich gelaufenen Regionen und kaufen mit dem Erlös Anteile der unterdurchschnittlich performenden Regionen nach. Dieser antizyklische Ansatz zwingt Sie, Gewinne zu realisieren und günstig nachzukaufen, was eine disziplinierte und emotionslose Anlagestrategie fördert. Sie agieren damit als Architekt, der die Struktur seines Gebäudes regelmässig überprüft und justiert, anstatt dem Markt die Kontrolle zu überlassen.

Der Fehler der Scheindiversifikation: Warum Immobilienfonds und Immobilienaktien das gleiche Risiko bergen

Ein besonders häufiger und gefährlicher Fehler in der Portfolio-Konstruktion ist die Scheindiversifikation. Sie tritt auf, wenn ein Anleger glaubt, sein Risiko durch das Hinzufügen einer neuen Anlageklasse zu streuen, diese aber in Wahrheit den gleichen fundamentalen Risiken unterliegt wie die bereits vorhandenen Positionen. Das Paradebeispiel hierfür ist der Bereich Immobilien. Viele Anleger halten einen Aktien-ETF und kaufen zur „Diversifikation“ zusätzlich einen ETF auf Immobilienaktien (REITs) oder Anteile an einem offenen Immobilienfonds.

Auf dem Papier gehören sie unterschiedlichen Kategorien an, doch in der Praxis ist ihre Korrelation zum allgemeinen Aktienmarkt und insbesondere zu Zinsänderungen extrem hoch. Wie der BERGFÜRST Ratgeber in einer Analyse festhält, ist dies ein Trugschluss:

REITs korrelieren stark mit dem allgemeinen Aktienmarkt und sind hochgradig zinssensitiv. Sie bieten keine echte Diversifikation zu einem Aktienportfolio.

– BERGFÜRST Ratgeber, ETF-Depot Analyse

Steigen die Zinsen, werden festverzinsliche Anlagen attraktiver, was den Druck auf Aktien und REITs gleichermassen erhöht. Fällt die Konjunktur, leiden die Mieteinnahmen und damit der Wert von Immobilienaktien und Fonds. Anstatt einen stabilisierenden Gegenpol zu schaffen, hat man sich unwissentlich das gleiche Risiko ein zweites Mal ins Depot geholt. Man besitzt zwar verschiedene Produkte, aber nicht verschiedene Risikofaktoren.

Praxisbeispiel: Offene Immobilienfonds in der Finanzkrise 2008

Die vermeintliche Sicherheit von offenen Immobilienfonds wurde während der globalen Finanzkrise 2008 als Illusion entlarvt. Als viele Anleger gleichzeitig ihre Anteile verkaufen wollten, um an Bargeld zu kommen, konnten die Fonds nicht schnell genug Immobilien verkaufen, um die Anleger auszuzahlen. In der Folge mussten mehrere grosse deutsche offene Immobilienfonds die Anteilsrücknahme komplett aussetzen. Anleger kamen teilweise über Jahre nicht an ihr investiertes Kapital, obwohl es sich um eine vermeintlich sichere und liquide Anlage handeln sollte. Dieses Ereignis hat drastisch gezeigt, dass die Liquidität und Sicherheit dieser Produkte in Krisenzeiten nicht garantiert ist und sie die Erwartungen an eine echte Diversifikation nicht erfüllen.

Wann steigt der Goldpreis wirklich: Warum Gold bei steigenden Zinsen oft fällt

Gold gilt als der ultimative sichere Hafen und als Inflationsschutz. Doch auch hier ist das Verständnis der tatsächlichen Wirkungsmechanismen entscheidend, um Enttäuschungen zu vermeiden. Viele Anleger kaufen Gold, weil sie steigende Inflation erwarten. Historisch ist der Zusammenhang jedoch schwach. Der weitaus stärkere Treiber für den Goldpreis ist der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation.

Gold wirft keine Zinsen oder Dividenden ab. Seine Haltung verursacht sogar Lagerkosten. Wenn die Realzinsen steigen, wird es attraktiver, Geld in festverzinsliche Anlagen wie Staatsanleihen zu investieren, die eine laufende Rendite bieten. Die Opportunitätskosten für das Halten von Gold steigen, und der Goldpreis gerät unter Druck. Umgekehrt, in einem Umfeld negativer Realzinsen – wenn also die Inflation höher ist als die nominalen Zinsen – verliert Geld auf dem Konto real an Wert. In diesem Szenario wird Gold als Wertspeicher attraktiv, da es zwar keine Rendite abwirft, aber auch nicht durch negative Realzinsen entwertet wird. Historische Daten für Europa zeigen deutlich: Gold steigt durchschnittlich um 15% p.a. bei negativen Realzinsen unter -2%. Ein Portfolio-Architekt schaut also weniger auf die Inflationsrate allein, sondern auf die Entwicklung der Realzinsen, um die Rolle von Gold richtig einzuschätzen.

Zudem ist in Deutschland die steuerliche Behandlung ein wichtiger Faktor, der die Wahl des Gold-Investments beeinflusst. Die Unterscheidung zwischen physischem Gold und verbrieften Gold-ETCs hat erhebliche finanzielle Auswirkungen, wie ein erfahrener Anleger berichtet:

Als privater Anleger profitiere ich enorm von der Steuerfreiheit bei physischem Gold nach einem Jahr Haltedauer. Bei meinen Gold-ETCs fallen hingegen 26,375% Abgeltungsteuer an – das macht einen gewaltigen Unterschied in der Nettorendite.

– Anonym, Privater Investor

Diese steuerliche Besonderheit macht den direkten Besitz von physischem Gold für langfristig orientierte Anleger in Deutschland oft zur überlegenen Wahl gegenüber börsengehandelten Produkten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Klumpenrisiken sind real: Die Kombination populärer Welt- und Tech-ETFs führt unweigerlich zu einer gefährlichen Übergewichtung weniger US-Konzerne.
  • Korrelation ist entscheidend: Echte Diversifikation entsteht nicht durch die Anzahl der ETFs, sondern durch die gezielte Beimischung von Anlageklassen mit niedriger Korrelation (z. B. hochwertige Staatsanleihen).
  • Architektur statt Sammeln: Strategien wie die BIP-Gewichtung bieten eine durchdachte Alternative zur reinen Marktkapitalisierung und ermöglichen eine robustere Portfolio-Struktur.

MSCI World oder FTSE All-World: Welcher Welt-Index deckt Schwellenländer wirklich besser ab?

Für Anleger, die sich für eine einfache Ein-ETF-Strategie nach Marktkapitalisierung entscheiden, lautet die zentrale Frage oft: MSCI World oder FTSE All-World? Beide Indizes sind populär, doch sie verfolgen leicht unterschiedliche Ansätze, die in der Praxis einen Unterschied machen. Der MSCI World umfasst ausschliesslich Aktien aus den Industrieländern. Um Schwellenländer abzudecken, muss er zwingend mit einem separaten ETF auf den MSCI Emerging Markets kombiniert werden, typischerweise in einer 70/30- oder 80/20-Gewichtung. Der FTSE All-World hingegen ist bereits eine All-in-One-Lösung: Er enthält sowohl Industrie- als auch Schwellenländer in einem einzigen Index, gewichtet nach deren jeweiliger Marktkapitalisierung.

Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Klassifizierung der Länder. Das prominenteste Beispiel ist Südkorea: Der Indexanbieter FTSE stuft das Land als Industrieland ein, während es bei MSCI als Schwellenland gilt. Das hat praktische Konsequenzen: In einem FTSE All-World ist Südkorea mit seinem vollen Gewicht enthalten. Bei einer 70/30-Kombination aus MSCI World und MSCI Emerging Markets wird der Anteil Südkoreas durch die 30%-Gewichtung des Schwellenländer-Teils künstlich reduziert. Für Anleger bedeutet dies, dass der FTSE All-World die aktuelle globale Marktkapitalisierung etwas genauer abbildet, während die MSCI-Kombination eine stärkere, aber auch manuell steuerbare Gewichtung der Schwellenländer ermöglicht.

Die Entscheidung hängt von der persönlichen Präferenz ab: Maximale Einfachheit und eine etwas höhere Anzahl an Positionen (FTSE All-World) gegenüber mehr Flexibilität bei der Gewichtung von Schwellenländern, aber auch dem Aufwand, zwei ETFs managen zu müssen (MSCI-Kombination). Die folgende Tabelle vergleicht die Eckdaten beider Strategien.

MSCI World + EM vs. FTSE All-World: Kosten und Performance
ETF-Strategie TER Tracking Difference Anzahl Positionen Südkorea-Gewichtung
MSCI World + EM (70/30) 0,18% -0,05% 3.000 Im EM enthalten (1,5%)
FTSE All-World 0,22% -0,02% 4.100 Im Developed enthalten (1,8%)

Letztendlich ist dies eine taktische Detailentscheidung. Wichtiger ist es, sich für eine Strategie zu entscheiden und die grundlegenden Unterschiede dieser globalen Ansätze zu verstehen.

Der Weg zu einem robusten Portfolio führt über Wissen und Struktur. Verabschieden Sie sich von der trügerischen Einfachheit des reinen Sammelns und nehmen Sie die Rolle des Architekten ein. Analysieren Sie Ihr bestehendes Depot auf Klumpenrisiken, verstehen Sie die Korrelationen zwischen Ihren Anlagen und treffen Sie bewusste Entscheidungen über Ihre strategische Ausrichtung. Beginnen Sie noch heute damit, die Fundamente für Ihre finanzielle Zukunft nicht nur zu legen, sondern aktiv zu gestalten.

Geschrieben von Julia Vonstein, CFA-Charterholderin und ehemalige Fondsmanagerin. Expertin für globale Asset-Allocation, ETF-Strategien und makroökonomische Analysen der Börsenmärkte.