Crowdfunding und Crowdinvesting für Privatanleger: Lohnt sich das Risiko bei Projekten mit 7 % Zinsen?

Veröffentlicht am August 12, 2024

Crowdinvesting lockt mit hohen Zinsen, überträgt aber ein ungleiches, VC-ähnliches Risiko auf Privatanleger, ohne die entsprechende Renditechance zu bieten.

  • Die beworbene Rendite ist eine Illusion; nach Ausfällen und Steuern bleibt oft nur ein Bruchteil übrig.
  • Das Risiko des Totalverlusts durch Nachrangdarlehen ist kein Randrisiko, sondern ein zentraler Bestandteil des Modells.

Empfehlung: Betrachten Sie Crowdinvesting nicht als sichere Alternative zum Tagesgeld, sondern als hochriskante Portfolio-Beimischung, bei der die strategische Streuung überlebenswichtig ist.

Die Suche nach renditestarken Alternativen zum klassischen Sparkonto führt viele mutige Anleger in die Welt der Schwarmfinanzierung. Crowdinvesting-Plattformen werben mit attraktiven Zinsen von 7 % oder mehr und der Möglichkeit, innovative Start-ups oder prestigeträchtige Immobilienprojekte direkt zu unterstützen. Es entsteht das Bild einer demokratisierten Finanzwelt, in der jeder zum Wagniskapitalgeber werden kann. Die Versprechen sind verlockend: hohe Erträge, kurze Laufzeiten und das gute Gefühl, Teil einer Erfolgsgeschichte zu sein.

Die gängigen Ratschläge beschränken sich oft auf Allgemeinplätze wie „streuen Sie Ihr Risiko“ oder „prüfen Sie das Projekt genau“. Doch diese oberflächliche Betrachtung verschleiert die wahre Natur dieser Anlageklasse. Sie suggeriert eine Beherrschbarkeit des Risikos, die in der Praxis oft nicht gegeben ist. Was, wenn die entscheidende Frage nicht ist, *ob* ein Projekt ausfällt, sondern *wie viele* Projekte in Ihrem Portfolio ausfallen werden? Was, wenn das System so gestaltet ist, dass Sie als Anleger im Krisenfall fast immer als Letzter in der Reihe stehen?

Dieser Artikel bricht mit der beschönigenden Darstellung. Wir tauchen tief in die Mechanik des Crowdinvestings in Deutschland ein und legen den Fokus auf das, was oft im Kleingedruckten versteckt wird: das asymmetrische Risiko. Sie tragen ein Risiko, das dem eines professionellen Venture-Capital-Investors ähnelt, doch Ihre potenzielle Belohnung ist von vornherein gedeckelt. Wir werden aufdecken, warum die beworbenen 7 % Zinsen oft nur eine Fata Morgana sind und warum das Verständnis des Nachrangdarlehens wichtiger ist als die schönste Projektbroschüre.

Anstatt Ihnen zu sagen, wie Sie das eine Gewinner-Projekt finden, zeigen wir Ihnen, wie Sie eine Strategie entwickeln, die das Scheitern einzelner Investments als festen Bestandteil einkalkuliert. Nur so können Sie eine fundierte Entscheidung treffen, ob sich das Risiko für Sie wirklich lohnt.

Warum Crowdfunding nicht gleich Crowdinvesting ist und was das für Ihre Rendite bedeutet

Bevor Sie auch nur einen Euro investieren, ist die Unterscheidung zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting entscheidend. Während beide Begriffe oft synonym verwendet werden, verbergen sich dahinter fundamental unterschiedliche Konzepte mit drastisch anderen Konsequenzen für Ihr Geld. Beim klassischen Crowdfunding, wie man es von Plattformen für kreative Projekte kennt, erhalten Sie in der Regel eine nicht-finanzielle Gegenleistung – zum Beispiel das Produkt, das Sie mitfinanziert haben, oder eine namentliche Nennung. Es handelt sich rechtlich meist um eine Spende oder einen Vorverkauf.

Crowdinvesting hingegen ist eine knallharte Geldanlage. Sie geben einem Unternehmen Kapital und erwarten im Gegenzug eine finanzielle Rendite in Form von Zinsen oder einer Beteiligung am Unternehmenserfolg. Genau hier beginnt die Rendite-Illusion. Die prominent beworbenen 7 % Zinsen sind ein Bruttowert, der die Realität stark verzerrt. Zieht man die statistisch wahrscheinlichen Projektausfälle und die fällige Steuerlast ab, sieht das Bild ernüchternder aus. Eine realistische Kalkulation zeigt, dass von den beworbenen 7 % Zinsen nach einer angenommenen Ausfallquote von 20 % und Abzug der Kapitalertragsteuer oft nur rund 3,15 % Nettorendite übrig bleiben. Plötzlich ist der Abstand zum sicheren Tagesgeld gar nicht mehr so gewaltig, das Risiko aber ungleich höher.

Ihr 5-Punkte-Check: Rechtliche Unterschiede verstehen

  1. Steuerliche Behandlung prüfen: Handelt es sich um eine Spende/einen Vorverkauf (Crowdfunding, meist steuerfrei) oder um Kapitalerträge, die der Kapitalertragsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag unterliegen (Crowdinvesting)?
  2. BaFin-Regulierung verstehen: Unterliegt das Angebot dem Kleinanlegerschutzgesetz mit einem vorgeschriebenen Vermögensanlagen-Informationsblatt (VIB), wie es bei Crowdinvesting üblich ist, oder ist es weitgehend unreguliert?
  3. Beteiligungsform analysieren: Investieren Sie über ein Nachrangdarlehen, eine stille Beteiligung oder Genussrechte? Jede Form hat ein anderes Risikoprofil im Insolvenzfall.
  4. Nettorendite berechnen: Ziehen Sie von den versprochenen Zinsen eine realistische Ausfallquote (oft 20-30 %) sowie die fälligen Steuern ab, um die wahre potenzielle Rendite zu ermitteln.
  5. Dokumentation für die Steuer sichern: Halten Sie alle Unterlagen bereit, denn Erträge aus Crowdinvesting müssen in der Anlage KAP Ihrer Steuererklärung angegeben werden.

Wie erkennen Sie seriöse Crowdinvesting-Plattformen in Deutschland?

Die Wahl der Plattform ist ein entscheidender erster Schritt. In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Anbietern, die sich auf unterschiedliche Bereiche wie Start-ups oder Immobilien spezialisiert haben. Kriterien wie eine Lizenz der BaFin, transparente Projektinformationen und eine nachvollziehbare Erfolgsbilanz sind absolute Mindeststandards. Doch selbst die Auswahl einer etablierten und scheinbar seriösen Plattform ist keine Garantie gegen Verluste. Die harte Wahrheit ist: Das Geschäftsmodell der Plattformen und das der Anleger sind nicht immer deckungsgleich. Eine Plattform verdient an der erfolgreichen Vermittlung von Kapital, das Risiko des Ausfalls aber tragen allein Sie.

Ein warnendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit unterstreicht diese Gefahr eindrücklich.

Fallstudie: Das Gerichtsurteil gegen Engel & Völkers Digital Invest (EVDI)

Die Plattform EVDI galt als renommierter Anbieter für Immobilien-Crowdinvesting. Doch bei einem Projekt endete die Investition in der Insolvenz der Projektgesellschaft. Daraufhin hat das Landgericht Berlin II im Juli 2024 entschieden, dass EVDI geschädigten Anlegern vollständigen Schadensersatz zahlen muss. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Risikohinweise unzureichend waren. Dieser Fall zeigt, dass selbst große Namen im Markt Anleger nicht vor gravierenden Problemen und potenziellen Totalverlusten schützen.

Um sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen, kann ein Vergleich der führenden Plattformen helfen. Achten Sie dabei nicht nur auf die Mindestanlagesumme, sondern auch auf den Fokus und die bisherige Historie der Plattform.

Die folgende Tabelle gibt einen Einblick in einige der bekanntesten Akteure auf dem deutschen Markt, basierend auf einer Marktanalyse der Crowdfunding-Landschaft in Deutschland.

Vergleich führender deutscher Crowdinvesting-Plattformen 2024
Plattform Mindestinvestment Fokus Besonderheit
Seedmatch 250 € Start-ups Erste deutsche Plattform
Companisto 250 € Start-ups 120.000+ Investoren
Exporo 500 € Immobilien Kurze Laufzeiten 2-3 Jahre
Startnext Variabel Kreative Projekte Keine Plattformgebühr (klassisches Crowdfunding)

Nachrangdarlehen beim Crowdinvesting: Warum Sie im Insolvenzfall oft leer ausgehen

Dies ist der wichtigste und zugleich am häufigsten unterschätzte Aspekt des Crowdinvestings: die rechtliche Form Ihrer Beteiligung. In den allermeisten Fällen investieren Sie über ein sogenanntes qualifiziertes Nachrangdarlehen. Der Begriff „Darlehen“ klingt sicher, aber das Wort „Nachrang“ ist der entscheidende Haken, der im Ernstfall zum Totalverlust Ihres Geldes führt. Es bedeutet, dass Ihre Forderungen im Falle einer Insolvenz des Unternehmens erst dann bedient werden, wenn die Forderungen aller anderen Gläubiger – wie Banken, Lieferanten oder Mitarbeiter – vollständig beglichen wurden. In der Realität bleibt von der Insolvenzmasse für die Nachrang-Gläubiger so gut wie nie etwas übrig.

Stellen Sie sich die Gläubiger als eine Art Wasserfall vor: Oben stehen die besicherten Gläubiger (Banken), die sich zuerst bedienen. Darunter kommen andere bevorrechtigte Gruppen. Ganz am Ende, wo nur noch ein paar Tropfen ankommen, stehen Sie als Crowdinvestor. Dieses „Alles oder Nichts“-Prinzip ist das Kernrisiko.

Visualisierung der Gläubigerreihenfolge bei Insolvenz als abstraktes Wasserfalldiagramm

Wie die Insolvenzstatistik zeigt, ist dies keine theoretische Gefahr. Gerade im Start-up-Segment sind Pleiten an der Tagesordnung. Im Jahr 2023 gab es einen Rekord an Insolvenzen, darunter auch prominent finanzierte Unternehmen wie Xpay oder Urbanara, die über Crowdinvesting-Plattformen Millionen eingesammelt hatten. Für die Anleger bedeutete dies in den meisten Fällen den vollständigen Verlust ihres Einsatzes. Eine Risikostudie von Xavin unterstreicht die bittere Realität mit einer klaren Aussage:

Anleger verlieren meist nicht nur Teile, sondern in bis zu jedem dritten Projekt ihr gesamtes Investment.

– Xavin Risikostudie, Totalverlust bei Geldanlage – Risiken im Crowdinvesting

Sie müssen also davon ausgehen, dass ein Teil Ihrer Investments mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf null fallen wird. Dies ist keine unglückliche Ausnahme, sondern eine statistische Gewissheit des Modells.

Der Fehler, alles auf ein Projekt zu setzen: Warum Diversifikation hier überlebenswichtig ist

Angesichts des realen Risikos von Totalverlusten einzelner Projekte ist die Konzentration Ihres Kapitals auf eine einzige oder nur wenige Investitionen der schnellste Weg in den finanziellen Ruin. Die einzige wirksame Verteidigungsstrategie ist eine radikale und systematische Diversifikation. Es geht nicht darum, den einen großen Gewinner zu finden, sondern darum, die unvermeidlichen Verluste durch die Erträge der erfolgreichen Projekte im Portfolio auszugleichen. Die Portfolio-Sterblichkeit ist eine einkalkulierte Größe.

Die Mathematik dahinter ist eindeutig: Wenn Sie nur in ein Projekt investieren, das eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 20 % hat, tragen Sie auch ein 20-prozentiges Risiko des Totalverlusts. Streuen Sie Ihr Kapital jedoch auf viele Projekte, sinkt das Risiko, Ihr gesamtes Geld zu verlieren, dramatisch. Eine mathematische Berechnung belegt, dass bei einer Ausfallrate von 20 % und einer Streuung auf 10 Investments die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts aller Investments auf winzige 0,00001 % sinkt. Das Risiko eines teilweisen Verlusts bleibt natürlich bestehen, aber die Gefahr des kompletten Knock-outs wird gebannt.

Eine effektive Diversifikationsstrategie geht jedoch über die reine Anzahl der Projekte hinaus. Sie sollten auf mehreren Ebenen streuen, um Klumpenrisiken zu vermeiden. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Diversifikationsebenen zusammen.

Diese Strategien helfen, die Risiken zu mindern, wie eine Analyse zur Risikoreduzierung für Anleger nahelegt.

Portfolio-Diversifikationsstrategien für deutsche Crowdinvesting-Anleger
Diversifikationsebene Empfehlung Risikoreduzierung
Anzahl Projekte Mindestens 10-20 Senkt Einzelprojektrisiko
Plattformen 2-3 verschiedene Reduziert Plattformrisiko
Branchen Immobilien, Start-ups, Energie Vermeidet Branchenkorrelation
Regionen München, Berlin, Frankfurt Streut geografisches Risiko
Laufzeiten Mix aus 1-5 Jahren Zeitliche Diversifikation

Wie bauen Sie mit nur 50 € pro Projekt ein gestreutes Startup-Portfolio auf?

Die gute Nachricht ist: Der Aufbau eines diversifizierten Portfolios erfordert keine Unsummen an Kapital. Viele deutsche Crowdinvesting-Plattformen ermöglichen Investitionen bereits ab 250 € oder sogar weniger. Dies senkt die Hürde und macht eine breite Streuung auch für Kleinanleger möglich. Der Schlüssel liegt darin, konsequent und mit kleinen Beträgen zu investieren, anstatt eine große Summe auf ein einziges Projekt zu setzen. Das Ziel sollte sein, über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren ein Portfolio von mindestens 15-20 Projekten aufzubauen.

Ein solcher Ansatz erfordert Geduld und Disziplin. Anstatt auf den schnellen Gewinn zu hoffen, bauen Sie systematisch eine Risikostruktur auf. Beginnen Sie mit einer Plattform und zwei bis drei Projekten, um ein Gefühl für den Prozess zu bekommen. Erweitern Sie dann schrittweise auf eine zweite Plattform und diversifizieren Sie in verschiedene Branchen. So reduzieren Sie nicht nur das Projektrisiko, sondern auch das Risiko, dass eine einzelne Plattform in Schwierigkeiten gerät.

Ein möglicher Fahrplan für Einsteiger mit kleinem Budget könnte so aussehen:

  1. Monate 1-3: Registrieren Sie sich bei einer Plattform wie Seedmatch oder Companisto. Investieren Sie kleine Beträge (z. B. 2 x 250 €) in zwei unterschiedliche Start-ups, um den Prozess kennenzulernen.
  2. Monate 4-6: Nehmen Sie eine zweite Plattform hinzu, idealerweise mit einem anderen Fokus (z. B. Immobilien über Exporo). Investieren Sie in 2-3 weitere Projekte mit ebenfalls kleinen Summen. Ihr Portfolio umfasst nun 4-5 Projekte.
  3. Monate 7-12: Bauen Sie Ihr Portfolio weiter aus. Ziel ist es, am Ende des ersten Jahres 8-10 verschiedene Investments über 2-3 Plattformen und Branchen verteilt zu haben.
  4. Ab dem 2. Jahr: Reinvestieren Sie erste Rückflüsse und Zinszahlungen konsequent in neue Projekte. Erhöhen Sie die Anzahl der Projekte auf 15-20, um eine robuste Diversifikation zu erreichen.

Dieser Ansatz verwandelt Crowdinvesting von einer spekulativen Wette in einen strategischen, wenn auch hochriskanten, Portfoliobaustein.

Warum VCs nur in Geschäftsmodelle mit dem Potenzial zum „Unicorn“ investieren

Um das Risiko im Crowdinvesting vollständig zu verstehen, ist ein Vergleich mit professionellen Wagniskapitalgebern (Venture Capitalists, VCs) unerlässlich. VCs wissen, dass die meisten ihrer Investitionen scheitern werden. Ihre Strategie basiert auf dem sogenannten Power Law-Prinzip. Sie investieren in Dutzende von Start-ups, in der Erwartung, dass die überwiegende Mehrheit scheitert oder nur mäßig erfolgreich ist, aber ein einziges „Unicorn“ (ein Unternehmen mit über 1 Milliarde Dollar Bewertung) eine so exorbitante Rendite (100x oder mehr) abwirft, dass es die Verluste aller anderen Investments bei Weitem überkompensiert.

Die klassische VC-Kalkulation zeigt, dass 8 von 10 Investments scheitern, aber das eine Investment mit einer 100-fachen Rendite das gesamte Portfolio rettet und profitabel macht. Und genau hier liegt das fundamentale Problem des Crowdinvestings für Privatanleger: Sie tragen ein VC-ähnliches Risiko, aber Ihre Rendite ist nach oben gedeckelt. Sie werden niemals von einem 100x-Erfolg profitieren. Ihre maximale Rendite ist der vorher festgelegte Zinssatz von beispielsweise 7 %.

Dieses Missverhältnis wird als asymmetrisches Risiko bezeichnet. Das Verlustrisiko (bis zu 100 % Ihres Einsatzes) ist extrem hoch, während Ihr Gewinnpotenzial stark begrenzt ist. Ein kritischer Marktbeobachter fasst dieses Dilemma treffend zusammen:

Der Crowd-Anleger trägt ein VC-ähnliches Risiko, aber seine Rendite ist auf 5-8% gedeckelt. Er kann niemals von einem 100x-Erfolg profitieren.

– Kritische-Anleger.de, Analyse des deutschen Crowdinvesting-Marktes

Sie finanzieren also das hohe Risiko der Frühphasenfinanzierung, partizipieren aber nicht am potenziellen, exponentiellen Erfolg, der dieses Risiko für professionelle Investoren überhaupt erst rechtfertigt. Sie bekommen das volle Risiko, aber nur einen Bruchteil der potenziellen Belohnung.

Sie wollen zocken, können es sich aber nicht leisten: Wie lösen Sie diesen Konflikt?

Viele Anleger fühlen sich von Crowdinvesting angezogen, weil es einen gewissen Nervenkitzel verspricht. Es fühlt sich aufregender und greifbarer an, in ein konkretes Start-up zu investieren, als in einen anonymen Aktienindex. Es befriedigt den Wunsch, zu „zocken“ und auf die nächste große Erfolgsgeschichte zu wetten. Das Problem: Die meisten Privatanleger können es sich schlicht nicht leisten, mit Geld zu zocken, das sie eigentlich für den langfristigen Vermögensaufbau oder die Altersvorsorge benötigen.

Wie lösen Sie diesen inneren Konflikt? Der erste Schritt ist radikale Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Erkennen Sie Crowdinvesting als das an, was es ist: eine hochspekulative Anlageklasse, die nicht für den Kern Ihres Vermögens oder die Altersvorsorge geeignet ist. Es ist „Spielgeld“ im wahrsten Sinne des Wortes – Geld, dessen Totalverlust Sie finanziell und emotional verkraften können.

Ein Experte von Verivox warnt eindringlich:

Sie reichen bis zum Totalverlust des eingesetzten Vermögens. Investoren sollten einige Grundregeln beachten und ihre Investments möglichst breit streuen. Für die private Altersvorsorge ist Crowdinvesting in der Regel nicht geeignet.

– Experte, Verivox.de

Die Lösung des Konflikts liegt in einer klaren Budgetierung. Legen Sie einen winzigen Teil Ihres Gesamtportfolios (z.B. 1-5 %) für hochriskante Anlagen wie Crowdinvesting fest. Dieser Betrag sollte so gering sein, dass sein vollständiger Verlust Ihre langfristigen Finanzziele nicht gefährdet. So können Sie den Wunsch nach Spekulation in einem kontrollierten Rahmen befriedigen, ohne Ihre finanzielle Zukunft aufs Spiel zu setzen. Der Rest Ihres Kapitals sollte in bewährte, breit gestreute und kostengünstige Anlageformen wie ETFs fließen, die sich für den systematischen Vermögensaufbau eignen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Asymmetrisches Risiko: Sie tragen das volle Ausfallrisiko eines Start-ups, Ihre Rendite ist aber auf einen festen Zinssatz begrenzt.
  • Totalverlust ist einkalkuliert: Durch Nachrangdarlehen ist Ihr Geld im Insolvenzfall meist komplett verloren. Eine hohe Ausfallrate ist Teil des Modells.
  • Diversifikation ist Überleben: Nur eine breite Streuung über mindestens 15-20 Projekte, Plattformen und Branchen kann die unvermeidlichen Ausfälle abfedern.

Angst vor der Börse verlieren: Wie starten Sie mit 50 € im Monat trotz volatiler Märkte?

Viele Anleger, die sich für Crowdinvesting interessieren, tun dies aus Angst vor der Börse. Die täglichen Schwankungen (Volatilität) wirken abschreckend und unkontrollierbar. Crowdinvesting-Projekte mit festen Laufzeiten und Zinsen vermitteln eine trügerische Ruhe. Weil es keinen täglichen Kurs gibt, fühlt sich die Anlage stabiler an. Doch das ist eine gefährliche Illusion: Das Risiko ist nicht geringer, es ist nur weniger sichtbar. Während ein Aktien-ETF bei einem Crash um 30 % fallen kann, aber fast nie auf null, kann ein einzelnes Crowdinvestment über Nacht wertlos werden.

Für Anleger, die systematisch und mit geringem Risiko Vermögen aufbauen wollen, ist ein breit gestreuter ETF-Sparplan die rationalere und langfristig erfolgreichere Wahl. Schon mit 50 € im Monat können Sie in Tausende von Unternehmen weltweit investieren und so das Risiko maximal streuen. Die historischen Renditen eines globalen Aktien-ETFs liegen langfristig bei 7-8 % pro Jahr – und das bei deutlich geringerem Totalverlustrisiko und täglicher Verfügbarkeit Ihres Geldes.

Der direkte Vergleich der Risikostruktur macht den Unterschied deutlich.

Diese Gegenüberstellung, basierend auf Analysen von Finanzexperten wie auf ExtraETF, zeigt die strukturellen Vor- und Nachteile beider Anlageklassen.

Börsen-ETF vs. Crowdinvesting – Risikostruktur im Vergleich
Kriterium ETF-Sparplan Crowdinvesting
Sichtbare Volatilität Täglich (kann beunruhigen) Keine (trügerische Ruhe)
Totalverlustrisiko Extrem gering bei breiter Streuung 20-30% der Projekte
Liquidität Täglich verkaufbar Gebunden für 2-5 Jahre
Einlagensicherung Sondervermögen geschützt Keine Sicherung
Langfristrendite Historisch 7-8 % p.a. Nach Ausfällen 3-4 % netto

Die Angst vor den Schwankungen der Börse ist verständlich, aber sie sollte Sie nicht in Anlagen mit unsichtbaren, aber noch größeren Risiken treiben. Der beste Weg, die Angst zu verlieren, ist, mit kleinen, regelmäßigen Beträgen in einen ETF-Sparplan zu starten. So gewöhnen Sie sich an die Schwankungen und bauen langfristig und kosteneffizient ein solides Vermögen auf, anstatt auf riskante Einzelwetten zu setzen.

Geschrieben von Felix Neubauer, Seriengründer und Business Angel mit Schwerpunkt auf Venture Capital und Crowdinvesting. Experte für Startup-Finanzierung, Pitch-Decks und Term Sheets.