
Ihre wahre Risikobereitschaft hat nichts mit Ihrem Alter oder Einkommen zu tun, sondern allein mit Ihrer emotionalen Schmerzgrenze.
- Die Selbstwahrnehmung im Bullenmarkt ist eine Illusion; Ihr wahres Risikoprofil zeigt sich erst im Crash.
- Echte Diversifikation bedeutet, in nicht korrelierte Anlageklassen zu investieren, nicht nur in viele verschiedene ETFs.
Empfehlung: Definieren Sie Ihre Anlagestrategie und Risikogrenzen in ruhigen Zeiten schriftlich als „Vertrag mit sich selbst“, um in Panikphasen nicht die Kontrolle zu verlieren.
Du kennst das Gefühl sicher: Ein kurzer Blick auf das Depot, und die Zahlen leuchten rot. Ein Minus von 5 %, 10 % oder sogar mehr. Ein flaues Gefühl macht sich in der Magengegend breit. Die Gedanken kreisen: Verkaufen? Aussitzen? Nachkaufen? In diesen Momenten zeigt sich, was die ganzen Online-Tests und Risikoprofile wert sind – oft nämlich erstaunlich wenig. Denn die theoretische Risikobereitschaft, die wir an einem sonnigen Tag am Schreibtisch ankreuzen, hat kaum etwas mit der realen, emotionalen Belastbarkeit in einem Marktabschwung zu tun.
Die Finanzwelt bietet uns vermeintlich einfache Lösungen: Formeln wie „100 minus Lebensalter“ für die Aktienquote oder die Einteilung in sieben Risikoklassen. Doch diese Ansätze kratzen nur an der Oberfläche. Sie behandeln den Menschen als berechenbare Maschine und ignorieren den wichtigsten Faktor für den langfristigen Anlageerfolg: die Psychologie. Deine Fähigkeit, Verluste auszuhalten, ohne in Panik zu verfallen und kapitale Fehler zu begehen, ist entscheidend. Es geht nicht darum, wie viel Risiko du dir finanziell leisten *kannst*, sondern wie viel du *emotional erträgst*.
Dieser Artikel bricht mit den üblichen Ratschlägen. Wir werden keinen weiteren standardisierten Fragebogen durchgehen. Stattdessen begeben wir uns auf eine introspektive Reise zu deiner wahren, emotionalen Schmerzgrenze. Wir nutzen den „Schlaftest“ als ultimativen Indikator und finden heraus, wo dein finanzielles Bauchgefühl wirklich liegt. Du wirst lernen, den Konflikt zwischen Zocker-Mentalität und Sicherheitsbedürfnis aufzulösen, die typischen Fehler in Aufschwungphasen zu erkennen und dein Portfolio so zu gestalten, dass es nicht nur zu deinen Zielen, sondern vor allem zu deiner Psyche passt.
In den folgenden Abschnitten führen wir Sie Schritt für Schritt durch diesen Prozess der Selbsterkenntnis. Sie werden lernen, Ihre finanzielle Belastbarkeit realistisch einzuschätzen und eine Anlagestrategie zu entwickeln, die Sie auch in turbulenten Marktphasen ruhig schlafen lässt.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Weg zur emotionalen Risikokompetenz
- Warum Sie nachts schlecht schlafen, wenn Ihr Depot 10 % im Minus ist: Der Schlaftest
- Wie viel Geld können Sie verlieren, ohne dass Ihr Lebensstandard gefährdet ist?
- Sie wollen zocken, können es sich aber nicht leisten: Wie lösen Sie diesen Konflikt?
- Der Fehler im Bullenmarkt: Warum im Aufschwung jeder glaubt, er sei risikofreudig
- Wie muss sich Ihre Risikoklasse ändern, wenn Sie kurz vor der Rente stehen?
- Festes 60/40-Portfolio oder Anpassung an Lebensphasen: Was passt zu Ihnen?
- Warum der Sparplan sich nur gut anfühlt, aber Rendite kostet (Opportunitätskosten)
- Echte Diversifikation im Portfolio: Warum 10 verschiedene ETFs noch lange keine Risikostreuung garantieren?
Warum Sie nachts schlecht schlafen, wenn Ihr Depot 10 % im Minus ist: Der Schlaftest
Die ehrlichste Antwort auf die Frage nach deiner Risikotoleranz gibt nicht dein Verstand, sondern dein Körper. Nächtliches Grübeln, ein flauer Magen oder das zwanghafte Überprüfen der Kurse sind untrügliche Zeichen dafür, dass deine emotionale Schmerzgrenze überschritten ist. Ein theoretischer Verlust auf dem Papier fühlt sich plötzlich sehr real an und bedroht dein Sicherheitsgefühl. Dies ist der Moment der Wahrheit, in dem sich zeigt, ob deine Anlagestrategie wirklich zu dir passt. Dein Schlaf ist der ultimative Lackmustest für dein Portfolio.
Ein eindrückliches Beispiel dafür war der Corona-Crash im März 2020. Innerhalb weniger Wochen brach der DAX um fast 40 % ein. Anleger, die hier in Panik ihre Anteile verkauften, realisierten massive Verluste. Wer hingegen die Nerven behielt und an seiner Strategie festhielt, dessen Portfolio hatte sich oft schon Ende desselben Jahres wieder erholt. Diese Phase war ein brutaler, aber ehrlicher „Stresstest“. Er hat gezeigt, dass die zuvor im Bullenmarkt angenommene Risikofreude bei vielen Anlegern eine reine Illusion war. Die entscheidende Frage ist also nicht: „Wie viel Verlust kann ich rechnerisch verkraften?“, sondern: „Bei wie viel Prozent Minus fange ich an, irrationale Entscheidungen zu treffen?“
Um diese Grenze für dich persönlich zu finden, bevor der nächste Crash kommt, kannst du einen simulierten Schlaftest durchführen. Es geht darum, eine hypothetische, aber emotional spürbare Situation zu schaffen und deine ehrliche Reaktion zu protokollieren.
Ihr persönlicher Schlaftest: Plan zur Ermittlung Ihrer emotionalen Belastungsgrenze
- Stellen Sie sich vor, Ihr Portfolio bricht innerhalb einer Woche um 30 % ein. Visualisieren Sie den Betrag in Euro. Ihre erste, unzensierte Reaktion: Panisch verkaufen, ruhig bleiben oder sogar nachkaufen?
- Erstellen Sie ein Musterportfolio von 10.000 € und simulieren Sie verschiedene Verlustszenarien (z. B. mit einem Online-Tool oder einer einfachen Tabelle).
- Notieren Sie Ihre spontane emotionale Reaktion (Stresslevel, Angst, Gleichgültigkeit) bei 5 %, 10 %, 20 % und 30 % Verlust. Seien Sie brutal ehrlich zu sich selbst.
- Bestimmen Sie die Schwankungsgrenze, bei der sich Ihr Verhalten ändern würde – der Punkt, an dem aus „unangenehm“ ein „unerträglich“ wird.
- Beobachten Sie Ihre Reaktion auf reale, kleinere Marktschwankungen über eine Woche. Viele Menschen überschätzen ihre Risikotoleranz systematisch, bis sie den ersten echten Verlust spüren.
Dieser Prozess ist unangenehm, aber essenziell. Er zwingt dich, deiner finanziellen Realität ins Auge zu blicken und eine Strategie zu entwickeln, die nicht nur auf dem Papier gut aussieht, sondern die du auch in den stürmischsten Zeiten durchhalten kannst.
Wie viel Geld können Sie verlieren, ohne dass Ihr Lebensstandard gefährdet ist?
Nachdem wir die emotionale Seite beleuchtet haben, wenden wir uns der harten, mathematischen Realität zu: der Risikotragfähigkeit. Diese Kennzahl ist, im Gegensatz zur Risikobereitschaft, nicht subjektiv, sondern objektiv messbar. Sie beantwortet die Frage: Wie viel von deinem Vermögen könntest du theoretisch verlieren, ohne dass deine alltägliche Lebensführung, deine existenziellen Bedürfnisse oder deine langfristigen, unverhandelbaren Ziele (wie die Ausbildung der Kinder oder die Anzahlung für das Eigenheim) gefährdet wären? Dies ist die finanzielle Leitplanke deiner Anlagestrategie.
Die absolute Grundlage für jede Investition ist ein solider Notgroschen. Bevor auch nur ein Euro in Aktien oder ETFs fliesst, muss ein Puffer für unvorhergesehene Ausgaben wie eine Autoreparatur oder den Verlust des Arbeitsplatzes vorhanden sein. Dieser Puffer sollte auf einem Tagesgeldkonto liegen – sicher und jederzeit verfügbar. Für deutsche Haushalte empfehlen Finanzexperten einen Notgroschen von 3 bis 6 Netto-Monatsausgaben. Nur das Kapital, das über diesen Betrag und andere kurz- bis mittelfristige Sparziele hinausgeht, steht für risikoreichere Anlagen zur Verfügung. Dieses „freie Kapital“ definiert deine maximale Risikotragfähigkeit.

Die Berechnung deiner Risikotragfähigkeit ist ein nüchterner Prozess. Er erfordert eine ehrliche Bestandsaufnahme deiner Einnahmen, Ausgaben und deines bestehenden Vermögens. Deine berufliche Situation spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Ein Beamter mit einem extrem sicheren Arbeitsplatz hat eine deutlich höhere Risikotragfähigkeit als ein Selbstständiger mit stark schwankenden Einnahmen. Ebenso hat ein 30-jähriger Berufseinsteiger, der noch Jahrzehnte Zeit hat, um Verluste auszugleichen, eine höhere Tragfähigkeit als ein 60-Jähriger, der kurz vor dem Ruhestand steht und auf sein Kapital angewiesen ist.
Letztlich ergibt sich deine persönliche Risikoklasse aus dem Zusammenspiel beider Dimensionen: der emotionalen Bereitschaft (Schlaftest) und der objektiven Tragfähigkeit (Finanz-Check). Die niedrigere der beiden Bewertungen gibt dabei immer den Takt vor. Wenn du zwar finanziell hohe Risiken tragen könntest, aber schon bei 5 % Minus nervös wirst, muss deine Strategie defensiv ausgerichtet sein.
Sie wollen zocken, können es sich aber nicht leisten: Wie lösen Sie diesen Konflikt?
In vielen von uns schlummert ein innerer Konflikt: Auf der einen Seite steht der vernünftige Langfrist-Investor, der auf solide, breit gestreute Anlagen setzt. Auf der anderen Seite meldet sich der spekulative Zocker, der von den hohen Renditen bei Krypto-Währungen, Meme-Aktien oder riskanten Tech-Werten angelockt wird. Dieser Spieltrieb ist menschlich, kann aber eine sorgfältig aufgebaute Anlagestrategie ruinieren, wenn man ihm unkontrolliert nachgibt. Besonders gefährlich wird es, wenn die finanzielle Risikotragfähigkeit eigentlich keine spekulativen Abenteuer erlaubt. Wie löst du also diesen Widerspruch?
Die Lösung liegt nicht in der Unterdrückung des Spieltriebs, sondern in seiner Kanalisierung. Eine bewährte Methode hierfür ist die Core-Satellite-Strategie. Sie teilt dein Portfolio klar in zwei Bereiche auf:
- Der „Core“ (Kern): Dieser macht den Löwenanteil deines Portfolios aus, typischerweise 90-95 %. Er besteht aus soliden, langfristigen und breit diversifizierten Anlagen wie globalen ETFs. Sein Ziel ist der stetige, stabile Vermögensaufbau.
- Die „Satellites“ (Satelliten): Dieser kleine Teil, maximal 5-10 % deines Portfolios, ist dein Spielfeld. Hier kannst du gezielt in risikoreichere Einzelwetten investieren. Wichtig ist die psychologische Einstellung: Dieses Geld ist „Spielgeld“, dessen Totalverlust du von vornherein einkalkulierst und verkraften kannst.
Ein 35-jähriger Anleger mit 50.000 € Vermögen könnte beispielsweise, wie von Experten bei comdirect skizziert, 45.000 € in sein Kernportfolio aus ETFs investieren und 5.000 € für spekulative Satelliten nutzen. Durch diese klare Trennung befriedigt er seinen Wunsch nach höheren Renditechancen, ohne sein finanzielles Fundament zu gefährden. Für eine saubere psychologische Trennung ist es sogar ratsam, für Core- und Satellite-Investments separate Depots bei unterschiedlichen Brokern zu führen.
Indem du dem spekulativen Drang einen festen, begrenzten Raum gibst, schaffst du eine psychologische Barriere. Der Erfolg oder Misserfolg deiner Satelliten-Investments hat so keinen Einfluss auf deine langfristige Strategie. Du kannst den Nervenkitzel geniessen, ohne deine finanzielle Zukunft aufs Spiel zu setzen.
Der Fehler im Bullenmarkt: Warum im Aufschwung jeder glaubt, er sei risikofreudig
Jahrelang steigende Kurse haben eine tückische psychologische Wirkung: Sie schaffen eine Risiko-Illusion. Wenn das eigene Depot kontinuierlich wächst, fühlt sich das Investieren einfach und risikolos an. Man gewöhnt sich an die Gewinne und entwickelt eine trügerische Selbstsicherheit. In solchen Phasen neigen fast alle Anleger dazu, ihre eigene Risikotoleranz systematisch zu überschätzen. Man fühlt sich wie ein unerschrockener Börsen-Champion, der auch grössere Schwankungen locker wegstecken würde. Doch diese gefühlte Risikofreude ist oft nur ein Schönwetter-Phänomen.
Diese psychologische Falle wurde von Anlageexperten wie Rick Ferri treffend beschrieben. In seinem Buch „All About Asset Allocation“ stellt er fest, dass, wie von Finanzfluss zitiert, viele Menschen ihre Risikotoleranz erst dann wirklich erkennen, wenn sie nach Jahren der Gewinne den ersten schmerzhaften Verlust erleiden. Der erste Crash ist der brutale Weckruf, der die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit zerstört. Die Euphorie des Bullenmarktes weicht der Panik, und die zuvor als „mutig“ empfundene Strategie wird plötzlich als untragbar wahrgenommen. Dann werden die teuersten Fehler gemacht: Es wird zu Tiefstkursen verkauft.

Wie kannst du dich vor dieser Selbstüberschätzung schützen? Die wirksamste Methode ist, deine Anlagestrategie in einer ruhigen, rationalen Phase schriftlich festzuhalten. Dieses Dokument, oft als Investment Policy Statement (IPS) bezeichnet, ist dein Vertrag mit dir selbst. Es zwingt dich, deine Entscheidungen auf Basis von Fakten und Zielen zu treffen, nicht auf Basis der aktuellen Marktstimmung. Ein solches Dokument sollte folgende Punkte enthalten:
- Deine Risikoklasse, basierend auf dem Schlaftest und deiner finanziellen Tragfähigkeit.
- Deine Ziel-Asset-Allocation (z.B. 60 % Aktien, 40 % Anleihen).
- Klare Regeln für das Rebalancing (z.B. bei einer Abweichung von mehr als 5 % von der Ziel-Allokation).
- Die Gründe und Überlegungen, die zu dieser Strategie geführt haben.
Dieses datierte und unterschriebene Dokument wird zu deinem Anker in stürmischen Zeiten. Wenn die Panik aufkommt, liest du nicht die Börsennachrichten, sondern dein IPS.
Dieses Vorgehen schafft eine emotionale Distanz zum täglichen Marktgeschehen. Du agierst nach einem Plan, den dein rationales Zukunfts-Ich für dein emotionales Gegenwarts-Ich entworfen hat. Das ist der Kern von diszipliniertem, erfolgreichem Investieren.
Wie muss sich Ihre Risikoklasse ändern, wenn Sie kurz vor der Rente stehen?
Der Anlagehorizont ist einer der mächtigsten Faktoren bei der Bestimmung der passenden Risikoklasse. Während ein junger Anleger Jahrzehnte Zeit hat, um Marktschwankungen und sogar schwere Krisen auszusitzen, sieht die Situation für jemanden, der kurz vor dem Ruhestand steht, völlig anders aus. Der Fokus verschiebt sich dramatisch: Statt maximalem Vermögenswachstum steht nun der Kapitalerhalt im Vordergrund. Ein Börsencrash kurz vor oder zu Beginn der Rente kann katastrophale Folgen haben, da keine Zeit mehr bleibt, die Verluste durch Erwerbseinkommen oder Markterholung auszugleichen.
Deshalb ist eine Anpassung der Risikoklasse im Laufe des Lebens unerlässlich. Die Aktienquote, der riskanteste Teil des Portfolios, muss systematisch reduziert werden. Eine bewährte Faustformel besagt, dass die maximale Aktienquote in Prozent dem Wert „100 minus Lebensalter“ entsprechen sollte. Ein 30-Jähriger könnte demnach bis zu 70 % in Aktien investieren, ein 65-Jähriger hingegen nur noch 35 %. Auch wenn diese Formel eine starke Vereinfachung ist, illustriert sie das Grundprinzip des De-Risking sehr gut.
Diese Anpassung sollte nicht abrupt, sondern schrittweise erfolgen. Eine bewährte Methode ist die „Glidepath-Strategie“. Dabei beginnt man etwa 10 bis 15 Jahre vor dem geplanten Renteneintritt damit, das Portfolio schrittweise umzuschichten. Beispielsweise könnte ein 55-jähriger Anleger beginnen, jährlich 3-5 % seines Vermögens von Aktien in sicherere Anlagen wie Anleihen oder Tagesgeld umzuschichten. So wird das Risiko graduell gesenkt, während man in den verbleibenden Jahren vor der Rente noch teilweise von den Renditechancen des Aktienmarktes profitiert. Die folgende Tabelle zeigt eine typische Anpassung der Aktienquote nach Lebensphase:
| Alter | Empfohlene Aktienquote | Sichere Anlagen | Anpassungsgrund |
|---|---|---|---|
| 30 Jahre | 70% | 30% | Langer Anlagehorizont |
| 50 Jahre | 50% | 50% | Mittlerer Horizont |
| 60 Jahre | 40% | 60% | Rentenplanung |
| 65+ Jahre | 20-30% | 70-80% | Kapitalerhalt |
Die schönste Rendite der Vergangenheit nützt nichts, wenn das Vermögen genau dann nicht zur Verfügung steht, wenn man es braucht. Eine dynamische, dem Lebensalter angepasste Risikostrategie ist daher kein „Nice-to-have“, sondern eine absolute Notwendigkeit für eine finanziell sorgenfreie Rente.
Festes 60/40-Portfolio oder Anpassung an Lebensphasen: Was passt zu Ihnen?
Die Frage nach der „richtigen“ Anlagestrategie führt oft zu zwei grundlegenden Philosophien. Da ist zum einen der klassische, statische Ansatz wie das berühmte 60/40-Portfolio (60 % Aktien, 40 % Anleihen), das einmal festgelegt und dann durch regelmässiges Rebalancing beibehalten wird. Auf der anderen Seite steht der dynamische Ansatz, der die Asset-Allokation aktiv an die persönliche Lebenssituation und den Anlagehorizont anpasst. Beide Wege haben ihre Berechtigung, doch die Entscheidung für einen davon hängt zutiefst von deiner Persönlichkeit und deinen Lebensumständen ab.
Der statische Ansatz besticht durch seine Einfachheit und Disziplin. Er verhindert emotionale, prozyklische Eingriffe und hat sich historisch als robuste Strategie erwiesen. Er ist ideal für Anleger, die einen „Set-and-forget“-Ansatz bevorzugen und sich nicht ständig mit ihrem Portfolio beschäftigen wollen. Der dynamische Ansatz hingegen ist flexibler und kann potenziell bessere, auf die individuelle Situation zugeschnittene Ergebnisse liefern. Beispielsweise empfiehlt die Stiftung Warentest mit ihrem bekannten „Pantoffel-Portfolio“ eine flexible Anpassung. Anleger können je nach persönlicher Risikoneigung zwischen einer defensiven (25 % Aktien), einer ausgewogenen (50 % Aktien) oder einer offensiven (75 % Aktien) Variante wählen und diese im Laufe ihres Lebens anpassen.
Der Schlüssel zum dynamischen Ansatz liegt darin, bestimmte Lebensereignisse als feste Auslöser (Trigger) für eine Überprüfung und mögliche Anpassung des Portfolios zu definieren. Anstatt auf Marktstimmungen zu reagieren, reagierst du auf Veränderungen in deinem eigenen Leben. Solche Trigger können sein:
- Verbeamtung oder eine sehr sichere Festanstellung: Deine Risikotragfähigkeit steigt, die Aktienquote kann erhöht werden.
- Geburt eines Kindes: Die finanziellen Verpflichtungen steigen, eine defensivere Ausrichtung kann sinnvoll sein.
- Ein grösserer Immobilienkauf: Die hohe Verschuldung reduziert den Risikopuffer; der Anteil sicherer Anlagen sollte steigen.
- Eine Erbschaft: Zusätzliches Kapital eröffnet neue Möglichkeiten zur Diversifikation und Risikosteuerung.
- Der Beginn der letzten 10 Jahre vor Renteneintritt: Der Startschuss für die geplante Umschichtung in sicherere Anlagen (De-Risking).
Letztendlich gibt es nicht die eine, für alle passende Antwort. Der disziplinierte Anleger mit einem stabilen Lebenslauf kann mit einem statischen Portfolio sehr gut fahren. Der Anleger, dessen Leben von Veränderungen geprägt ist, profitiert hingegen stark von einer dynamischen Strategie, die mit ihm atmet – vorausgesetzt, die Anpassungen folgen klaren, vordefinierten Regeln und nicht kurzfristigen Emotionen.
Warum der Sparplan sich nur gut anfühlt, aber Rendite kostet (Opportunitätskosten)
Der ETF-Sparplan ist in Deutschland zum Inbegriff des vernünftigen, disziplinierten Investierens geworden. Psychologisch fühlt er sich fantastisch an: Man investiert regelmässig, nutzt den Cost-Average-Effekt (vermeintlich) und muss sich nicht den Kopf über den „perfekten“ Einstiegszeitpunkt zerbrechen. Diese psychologischen Vorteile sind real und wertvoll. Doch aus rein mathematischer Sicht gibt es eine unbequeme Wahrheit: In den meisten Fällen kostet ein Sparplan Rendite im Vergleich zu einer Einmalanlage.
Der Grund dafür sind die Opportunitätskosten. Da die Aktienmärkte langfristig eine positive Tendenz aufweisen, ist es statistisch gesehen am profitabelsten, sein Geld so früh wie möglich vollständig zu investieren („Time in the Market is more important than Timing the Market“). Jeder Monat, in dem ein Teil des Geldes noch nicht investiert ist, ist ein Monat, in dem es nicht an der durchschnittlichen Marktrendite partizipiert. Eine Analyse des MSCI World zeigt, dass eine Einmalanlage über 20 Jahre historisch eine deutlich höhere Rendite erzielt hätte als ein über denselben Zeitraum gestreckter Sparplan. Das Geld, das beim Sparplan erst später investiert wird, hat einfach weniger Zeit, um Zinseszinseffekte zu entfalten.
Was also tun, wenn eine grössere Summe (z.B. aus einer Erbschaft oder einem Bonus) zur Verfügung steht? Die rein mathematisch optimale Lösung wäre die sofortige Einmalanlage. Doch hier kommt wieder die Psychologie ins Spiel: Viele Anleger ertragen den Gedanken nicht, kurz vor einem möglichen Crash alles investiert zu haben. Eine pragmatische Lösung ist eine Hybrid-Strategie: Man investiert sofort einen Grossteil der Summe, z.B. 60-70 %, um den Faktor „Time in the Market“ bestmöglich zu nutzen. Die restlichen 30-40 % werden über einen festgelegten Zeitraum, z.B. 12 bis 18 Monate, per Sparplan investiert. Diese Methode kombiniert die mathematische Optimierung der Einmalanlage mit dem psychologischen Komfort des Sparplans. Sie ist ein Kompromiss, der für viele Anleger den besten Mittelweg zwischen Renditemaximierung und emotionaler Belastbarkeit darstellt.
Der klassische monatliche Sparplan vom Gehalt ist und bleibt eine exzellente Methode zum Vermögensaufbau. Steht jedoch eine grössere Summe zur Verfügung, solltest du dir der potenziellen Renditeverluste durch ein zu langes Zögern bewusst sein und eine Hybrid-Strategie ernsthaft in Erwägung ziehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Deine wahre Risikoklasse ist emotional, nicht mathematisch. Der „Schlaftest“ ist der ehrlichste Indikator für deine Belastungsgrenze.
- Dein Risikoprofil ist nicht statisch. Es muss sich an entscheidende Lebensereignisse und insbesondere an die Annäherung an den Ruhestand anpassen.
- Echte Diversifikation erfordert die Kombination von Anlageklassen mit geringer oder negativer Korrelation, nicht nur das Mischen vieler ähnlicher ETFs.
Echte Diversifikation im Portfolio: Warum 10 verschiedene ETFs noch lange keine Risikostreuung garantieren?
„Streue dein Risiko breit“ ist einer der ältesten und weisesten Ratschläge an der Börse. Viele Anleger glauben, diesem Rat zu folgen, indem sie ihr Geld auf 5, 10 oder sogar 20 verschiedene ETFs verteilen. Doch oft begehen sie dabei einen Denkfehler und schaffen nur eine Schein-Diversifikation. Sie kaufen einen ETF auf den MSCI World, einen auf den S&P 500, einen auf europäische Blue Chips und vielleicht noch einen auf einen globalen Technologie-Index. Das Problem: All diese Indizes bestehen aus denselben grossen Aktientiteln und bewegen sich daher sehr ähnlich.
Echte Diversifikation hat nichts mit der Anzahl der Positionen zu tun, sondern mit der Korrelation zwischen ihnen. Korrelation misst, wie stark sich zwei Anlagen im Gleichschritt bewegen. Das Ziel ist es, Anlageklassen im Portfolio zu haben, die eine möglichst geringe oder sogar negative Korrelation aufweisen. Wenn also eine Anlageklasse (z.B. Aktien) fällt, sollte eine andere (z.B. Staatsanleihen) idealerweise stabil bleiben oder sogar steigen. Viele globale Aktien-ETFs haben jedoch eine sehr hohe Korrelation zueinander. So zeigen beispielsweise MSCI World und S&P 500 ETFs eine Korrelation von über 80%; sie bieten also kaum einen echten Diversifikationseffekt gegeneinander.
Um ein wirklich robustes, wetterfestes Portfolio zu bauen, musst du über den Tellerrand von Aktien hinausschauen und verschiedene, möglichst unkorrelierte Anlageklassen kombinieren. Die Korrelationsmatrix zeigt, wie unterschiedlich sich Anlageklassen zueinander verhalten können. Gold hat beispielsweise eine sehr geringe Korrelation zu Aktien, was es zu einem guten Stabilisator in Krisenzeiten macht.
| Anlageklasse | Aktien | Anleihen | Gold | Immobilien |
|---|---|---|---|---|
| Aktien | 1.00 | -0.15 | 0.05 | 0.65 |
| Anleihen | -0.15 | 1.00 | 0.30 | 0.10 |
| Gold | 0.05 | 0.30 | 1.00 | 0.15 |
| Immobilien | 0.65 | 0.10 | 0.15 | 1.00 |
Eine echte Diversifikation berücksichtigt daher nicht nur verschiedene Regionen und Sektoren innerhalb der Aktienwelt, sondern kombiniert bewusst Anlageklassen wie Aktien, hochwertige Staatsanleihen, Rohstoffe (insbesondere Gold) und gegebenenfalls Immobilien (z.B. über REITs). Nur so baust du ein Portfolio, das nicht bei jedem Börsengewitter ins Wanken gerät, sondern Stürme souverän überstehen kann.