Venture Capital für deutsche Startups: Ab welchem Umsatz ist Ihr Unternehmen für VCs überhaupt interessant?

Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Annahme, dass ein bestimmter Umsatz Venture-Capital-Investoren anzieht, ist ein fundamentaler Trugschluss. VCs investieren nicht in Umsätze, sondern in die statistische Wahrscheinlichkeit eines 100x-Exits.

  • Die „Power Law“-Dynamik zwingt VC-Fonds, ausschließlich nach „Unicorns“ zu jagen, da nur wenige Gewinner die Verluste des gesamten Portfolios ausgleichen müssen.
  • Klauseln wie die „Liquidation Preference“ im Term Sheet können dazu führen, dass Gründer trotz eines Millionen-Exits leer ausgehen. Der Teufel steckt im Detail, nicht in der Bewertung.
  • Ein „sauberer“ Datenraum und eine makellose Cap Table sind keine Formalitäten, sondern entscheidende Werkzeuge zur Risikominimierung („De-Risking“) aus Sicht des Investors.

Empfehlung: Analysieren Sie Ihr Geschäftsmodell nicht aus der Perspektive des aktuellen Umsatzes, sondern bewerten Sie es kühl und objektiv auf seine Fähigkeit, ein Monopol in einem riesigen Markt zu erlangen. Nur das signalisiert Unicorn-Potenzial.

Viele Gründer von Scale-ups in Deutschland glauben, die Aufnahme von Venture Capital (VC) sei eine lineare Progression: Man erreicht einen bestimmten monatlich wiederkehrenden Umsatz (MRR), perfektioniert das Pitch Deck und schon stehen die Investoren Schlange. Diese Vorstellung ist nicht nur naiv, sondern gefährlich. Sie ignoriert die brutale, zahlengetriebene Realität der VC-Branche. Die Frage „Ab welchem Umsatz bin ich für VCs interessant?“ ist falsch gestellt. Sie lenkt vom einzigen Kriterium ab, das wirklich zählt: das Potenzial, ein „Unicorn“ zu werden und damit die Renditeerwartungen eines ganzen Fonds zu erfüllen.

Die gängigen Ratschläge – ein starkes Team, ein skalierbares Produkt, nachgewiesene Traktion – sind lediglich Hygienefaktoren. Sie sind die Eintrittskarte, um überhaupt am Tisch sitzen zu dürfen. Doch die eigentliche Entscheidung des Investment-Komitees beruht nicht auf der Qualität Ihres aktuellen Geschäfts, sondern auf einer kalten, finanzmathematischen Kalkulation. VC ist kein partnerschaftliches Förderprogramm für gute Ideen. Es ist ein hochspezialisiertes Finanzinstrument, das nach der „Power Law“-Dynamik funktioniert: Ein einziger, phänomenaler Erfolg muss die Verluste von dutzenden anderen Investments im Portfolio nicht nur ausgleichen, sondern überkompensieren.

Wenn Sie also mit einem VC verhandeln, verhandeln Sie nicht mit einem Mentor, sondern mit einem Portfoliomanager, dessen Aufgabe es ist, ein asymmetrisches Risiko einzugehen. Ihr Unternehmen ist für ihn nur eine von vielen Wetten auf einen statistischen Ausreißer. Aber was, wenn die wahre Kunst nicht darin besteht, VCs von Ihrem aktuellen Umsatz zu überzeugen, sondern davon, dass Ihr Unternehmen die einzige Wette ist, die sie nicht verpassen dürfen? Dieser Artikel dekonstruiert die Mechanismen hinter VC-Entscheidungen und zeigt, worauf es wirklich ankommt – von der Vorbereitung des Datenraums bis zu den kritischen Klauseln im Term Sheet, die über Ihren finanziellen Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden strategischen Überlegungen, die weit über die reine Umsatzbetrachtung hinausgehen. Er liefert eine ungeschönte Analyse der Erwartungen von VCs und der Fallstricke, die auf dem Weg zur Finanzierung lauern.

Inhaltsverzeichnis: Venture Capital für deutsche Startups

Warum VCs nur in Geschäftsmodelle mit dem Potenzial zum „Unicorn“ investieren

Venture-Capital-Fonds operieren nicht wie traditionelle Investoren. Ihr Geschäftsmodell unterliegt der sogenannten Potenzgesetz-Dynamik (Power Law). Das bedeutet, dass die Rendite des gesamten Fonds von einer winzigen Anzahl an extrem erfolgreichen Investments abhängt. Ein einziges „Unicorn“ – ein Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar – kann die Verluste aller anderen gescheiterten oder mittelmäßigen Startups im Portfolio ausgleichen und die angestrebte Gesamtrendite sichern. Ein Investment, das „nur“ eine 5x- oder 10x-Rendite verspricht, ist für einen VC mathematisch uninteressant, da es das Gesamtrisiko des Portfolios nicht ausreichend kompensiert.

Diese strukturelle Notwendigkeit zwingt VCs, ausschließlich nach Geschäftsmodellen zu suchen, die ein glaubwürdiges Potenzial für eine monopolartige Stellung in einem riesigen, schnell wachsenden Markt (Total Addressable Market, TAM) aufweisen. Ihr aktueller Umsatz ist dabei nur ein Indikator für die Produkt-Markt-Passung, aber nicht das eigentliche Ziel. Ein VC fragt sich nicht: „Wie viel Umsatz macht dieses Unternehmen?“, sondern: „Gibt es einen Pfad, auf dem dieses Unternehmen in 7-10 Jahren 100 Millionen Euro Umsatz und mehr erzielen und einen ganzen Markt dominieren kann?“ Der aktuelle ‚State of European Tech 25‘-Bericht zeigt, dass die Zahl der europäischen Einhörner stetig wächst, was den Druck auf die Fonds weiter erhöht, den nächsten großen Gewinner zu finden.

Die Jagd nach dem Unicorn erklärt auch die hohe Kapitalintensität. Europäische Start-ups benötigen im Schnitt 208 Millionen US-Dollar an Risikokapital, um den Unicorn-Status zu erreichen. VCs sind bereit, diese Summen zu investieren und über mehrere Runden eine hohe Verwässerung in Kauf zu nehmen, solange die Wahrscheinlichkeit eines exponentiellen Wachstums intakt bleibt. Ein solides, profitables, aber langsam wachsendes Unternehmen ist für dieses Modell ungeeignet – es ist ein „Lifestyle-Business“, kein VC-Case.

Wie bereiten Sie Ihren Datenraum vor, um die tiefe Prüfung durch VCs zu bestehen?

Sobald ein VC ernsthaftes Interesse signalisiert, beginnt die Due Diligence (DD) – eine tiefgehende Prüfung Ihres Unternehmens. Der virtuelle Datenraum ist hierbei Ihr zentrales Instrument. Ein unstrukturierter oder unvollständiger Datenraum ist mehr als nur unprofessionell; er ist eine „Red Flag“. Er signalisiert dem Investor ein hohes operatives Risiko und mangelnde Kontrolle über das eigene Geschäft. Das Ziel des Datenraums ist es, dem VC-Team zu ermöglichen, das Investment schnell und effizient zu „de-risken“, also Risiken zu identifizieren und zu bewerten.

Die Struktur ist entscheidend. Anstatt Dokumente wahllos hochzuladen, sollten Sie eine klare, logische Ordnerstruktur anlegen, die den typischen DD-Bereichen entspricht: Finanzen, Recht, Team, Produkt/Technologie, Markt/Wettbewerb und Corporate Governance. Jedes Dokument muss aktuell, korrekt benannt und leicht auffindbar sein. Dies demonstriert nicht nur Professionalität, sondern gibt dem Investor das Vertrauen, dass Sie Ihr Unternehmen im Griff haben.

Strukturierte Ansicht eines virtuellen Datenraums mit Ordnern und Dokumenten für Due Diligence

Besondere Aufmerksamkeit erfordern sensible Bereiche. Dazu gehören die lückenlose Dokumentation Ihrer geistigen Eigentumsrechte (IP), eine saubere Darstellung der Anteilsstruktur (Cap Table) inklusive aller Mitarbeiterbeteiligungsprogramme (ESOP/VSOP) und die vollständige Offenlegung aller wesentlichen Verträge und potenziellen Rechtsstreitigkeiten. Denken Sie daran: VCs hassen Überraschungen. Ein Problem, das Sie proaktiv im Datenraum offenlegen und adressieren, ist verhandelbar. Ein Problem, das der VC selbst entdeckt, zerstört das Vertrauen.

Checkliste für einen Due-Diligence-fertigen Datenraum

  1. Struktur schaffen: Gliedern Sie Ordner klar nach Fachgebieten wie Finanzen, Recht, Markt und Produkt, um eine intuitive Navigation zu ermöglichen.
  2. Dokumentation zentralisieren: Organisieren Sie alle Verträge, Finanzberichte und rechtlichen Dokumente fortlaufend in einem Dokumentenmanagementsystem.
  3. Kritische Bereiche prüfen: Beziehen Sie sensible Themen wie regulatorische Compliance, laufende Rechtsstreitigkeiten und Details zu ESOP/VSOP-Programmen vollständig ein.
  4. Datenschutz gewährleisten: Schwärzen oder anonymisieren Sie alle sensiblen personenbezogenen Daten gemäß DSGVO, bevor Sie Dokumente teilen. Nutzen Sie ausschließlich DSGVO-konforme Datenraum-Anbieter mit Serverstandort in der EU.
  5. Updates integrieren: Fügen Sie alle relevanten Updates und Berichte für frühere Investoren hinzu, um Transparenz über die bisherige Entwicklung zu schaffen.

VC-Geld nehmen oder aus eigenem Cashflow wachsen: Welcher Weg erhält Ihre Freiheit?

Die Entscheidung zwischen externer Finanzierung durch Venture Capital und organischem Wachstum aus dem eigenen Cashflow (Bootstrapping) ist eine der fundamentalsten Weichenstellungen für ein Startup. Es ist keine Frage von „gut“ oder „schlecht“, sondern eine strategische Entscheidung zwischen Geschwindigkeit und Kontrolle. VC-Kapital ist wie Raketentreibstoff: Es ermöglicht eine massive Beschleunigung von Produktentwicklung, Marketing und internationaler Expansion. Der Preis dafür ist jedoch hoch: ein signifikanter Verlust von Anteilen (Verwässerung) und unternehmerischer Autonomie.

Mit einem VC an Bord verpflichten Sie sich auf den Pfad des exponentiellen Wachstums. Sie akzeptieren, dass strategische Entscheidungen fortan nicht mehr allein von Ihnen, sondern von einem Board getroffen werden, in dem der Investor ein gewichtiges Wort mitredet. Das Ziel ist nicht mehr zwangsläufig Profitabilität, sondern die Maximierung der Unternehmensbewertung für einen möglichst lukrativen Exit in 7 bis 10 Jahren. Bootstrapping hingegen bedeutet volle Kontrolle und 100 % der Anteile. Jede Entscheidung bleibt bei den Gründern. Das Wachstum ist jedoch organisch und durch den eigenen Cashflow begrenzt, was in schnelllebigen Märkten dazu führen kann, von aggressiveren, VC-finanzierten Wettbewerbern überholt zu werden.

Für deutsche Startups gibt es zudem eine Reihe von Alternativen, die eine Brücke zwischen diesen beiden Extremen bilden können. Corporate VCs von Konzernen wie Bosch oder Siemens bieten neben Kapital auch strategischen Marktzugang. Staatliche Akteure wie der High-Tech Gründerfonds (HTGF) oder die KfW stellen Kapital zu oft günstigeren Konditionen bereit. Eine vergleichende Analyse der KfW zeigt die unterschiedlichen Vor- und Nachteile dieser Optionen.

Finanzierungsalternativen für deutsche Startups
Finanzierungsart Vorteile Nachteile Typische Summen
Klassisches VC Großes Kapital, Expertise, Netzwerk Verwässerung, Kontrollverlust 500k-50M EUR
Corporate VC (Bosch, Siemens) Strategischer Marktzugang, Industrieexpertise Potenzielle Interessenskonflikte 1-20M EUR
High-Tech Gründerfonds Frühe Phase, staatliche Unterstützung Begrenzte Summen, spezifische Anforderungen Bis 3M EUR
KfW-Darlehen/Förderung Günstige Konditionen, keine Verwässerung Bürokratie, Verwendungsnachweise 25k-5M EUR
Bootstrapping Volle Kontrolle, keine Verwässerung Langsames Wachstum, begrenztes Kapital Eigenkapital

Die Falle im Term Sheet: Warum Sie trotz Millionen-Exit am Ende ohne Geld dastehen könnten

Das Term Sheet ist das Dokument, das die grundlegenden Bedingungen einer VC-Investition festlegt. Viele Gründer konzentrieren sich ausschließlich auf die Pre-Money-Bewertung und übersehen dabei Klauseln, die ihren eigenen Anteil am Exiterlös drastisch reduzieren oder sogar eliminieren können. Die gefährlichste dieser Klauseln ist die Liquidationspräferenz (Liquidation Preference). Sie sichert dem Investor zu, im Falle eines Exits sein investiertes Kapital (oft mit einem Multiplikator) zurückzuerhalten, bevor die restlichen Erlöse unter den Anteilseignern aufgeteilt werden.

Besonders tückisch ist die „participating“ Liquidationspräferenz. Hier erhält der Investor nicht nur sein Geld zuerst zurück, sondern partizipiert danach noch entsprechend seiner Anteilsquote an der Verteilung des restlichen Erlöses. Dies führt zu einer doppelten Bevorteilung. Ein konkretes Szenario verdeutlicht die Gefahr: Ein Unternehmen wird für 5 Millionen Euro verkauft. Ein Investor hat 1,5 Millionen Euro investiert und hält 30 % der Anteile mit einer einfachen (1x) participating Liquidationspräferenz. Zuerst erhält der Investor seine 1,5 Millionen Euro. Vom Rest (3,5 Millionen Euro) erhält er dann noch einmal 30 %, also 1,05 Millionen Euro. Sein Gesamterlös beträgt 2,55 Millionen Euro, also über 50 % des Exits, obwohl er nur 30 % der Anteile hielt. Der sogenannte „Liquidation Preference Overhang“ hat den Erlös der Gründer massiv geschmälert.

Makroaufnahme von Vertragsseiten mit Fokus auf wichtige Klauseln ohne lesbaren Text

Dieses Risiko potenziert sich mit jeder weiteren Finanzierungsrunde, da neue Präferenzen oft auf die alten aufgesetzt werden („stacking“). Eine Analyse von Ventury Analytics zeigt, wie nach mehreren Runden der Anteil der Gründer am Exit durch solche Strukturen auf einen Bruchteil zusammenschmelzen kann. Für Gründer ist es daher unerlässlich, auf einer „non-participating“ Liquidationspräferenz zu bestehen oder zumindest einen „Cap“ (eine Obergrenze) für die Partizipation zu verhandeln. Die Bewertung ist oft nur Schall und Rauch; die Verteilung des Exiterlöses ist die harte Realität.

Wie halten Sie Ihre Anteilsstruktur sauber für spätere Runden?

Eine saubere und unkomplizierte Kapitalstruktur (Cap Table) ist für VCs ein entscheidendes Investitionskriterium. Eine „unsaubere“ Cap Table ist eine der häufigsten „Red Flags“, die eine Finanzierungsrunde bereits im Frühstadium scheitern lassen kann. Sie signalisiert nicht nur administrative Komplexität, sondern birgt auch das Risiko zukünftiger Rechtsstreitigkeiten und Blockaden durch Altgesellschafter. Investoren scheuen Komplexität und suchen nach Strukturen, die schnelle Entscheidungen und zukünftige Finanzierungsrunden reibungslos ermöglichen.

Zu den häufigsten Problemen gehört sogenanntes „Dead Equity“: Anteile, die von früh ausgeschiedenen Gründern oder Mitarbeitern gehalten werden, die nicht mehr aktiv zum Unternehmenserfolg beitragen. Ebenso problematisch sind Business Angels aus frühen Phasen, die sich unverhältnismäßig hohe Anteile oder weitreichende Vetorechte gesichert haben. Eine Vielzahl von Kleinstinvestoren kann die Verwaltung ebenfalls lähmen. VCs bevorzugen eine übersichtliche Struktur mit Gründern, die klare Mehrheiten halten, und einem konsolidierten Kreis von professionellen Investoren.

Ein typischer Fehler ist die zu hohe Anteilsabgabe in frühen Phasen. Als Faustregel gilt, dass eine Verwässerung von 20-25 % pro Finanzierungsrunde auf dem deutschen Markt üblich ist. Wenn Gründer bereits in der Seed-Runde 40 % oder mehr abgeben, bleibt für spätere, kapitalintensivere Runden (Serie A, B, C) kaum noch Spielraum. Die Gründer verlieren die Kontrolle und ihre eigene Motivation sinkt, da ihr Anteil am potenziellen Erfolg marginalisiert wird. Eine vorausschauende Planung, die auch zukünftige Mitarbeiterbeteiligungsprogramme (ESOP/VSOP) von Anfang an berücksichtigt, ist daher unerlässlich, um die Cap Table sauber und attraktiv für professionelle Investoren zu halten.

Der Fehler bei der Anteilsabgabe: Wie viel Prozent der Firma dürfen Sie so früh abgeben?

Die Frage, wie viel Prozent eines Unternehmens in einer frühen Finanzierungsrunde abgegeben werden sollten, ist komplex. Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber es gibt strategische Leitplanken. Der größte Fehler ist, Kapital als reine Ware zu betrachten und sich ausschließlich auf die Bewertung zu konzentrieren. Viel entscheidender ist, von wem das Geld kommt. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen „passivem Geld“ von einem reinen Finanzinvestor und „Smart Money“ von einem Investor, der strategischen Mehrwert liefert.

Ein „Smart Money“-Investor bringt nicht nur Kapital, sondern auch ein relevantes Netzwerk, Branchenexpertise und operative Erfahrung ein. Er kann Türen zu wichtigen Kunden öffnen, bei der Rekrutierung von Schlüsselpersonal helfen und in strategischen Fragen als wertvoller Sparringspartner agieren. Für diesen Mehrwert kann es strategisch klug sein, eine etwas niedrigere Bewertung oder eine höhere Verwässerung in Kauf zu nehmen. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) in Deutschland ist ein klassisches Beispiel: Seit 2005 investiert er nicht nur Kapital in junge Technologie-Startups, sondern bietet auch aktiven Support und Zugang zu einem der größten Startup-Ökosysteme des Landes. Diese Art von Unterstützung kann den Unternehmenswert langfristig stärker steigern als eine kurzfristig optimierte Bewertung.

Um die Verwässerung über mehrere Runden zu managen, müssen Gründer vorausschauend agieren. Die folgenden Strategien sind entscheidend:

  • Verwässerungsschutz (Anti-Dilution): Vereinbaren Sie eine „Weighted-Average“-Methode statt eines „Full-Ratchet“-Schutzes, der die Gründer bei einer Down-Round extrem benachteiligt.
  • Pay-to-Play: Implementieren Sie eine Regelung, die Investoren dazu verpflichtet, bei zukünftigen Runden mitzuziehen, um ihre Vorzugsrechte (wie den Verwässerungsschutz) zu behalten.
  • Vesting: Setzen Sie für alle Gründer und Schlüsselmitarbeiter eine marktübliche Vesting-Periode an (z. B. 4 Jahre mit einem 1-Jahres-Cliff), um „Dead Equity“ zu vermeiden.
  • ESOP/VSOP-Pool: Planen Sie von Anfang an einen Pool von 10-20 % für zukünftige Mitarbeiterbeteiligungen ein. Dieser sollte vor der Investition (pre-money) geschaffen werden, damit die Verwässerung von allen Gesellschaftern getragen wird.

Warum Schulden bei einer Inflation von über 2 % gut für Ihr Unternehmen sein können

In der Startup-Welt wird Fremdkapital oft als Tabu betrachtet. Der Fokus liegt fast ausschließlich auf Eigenkapital durch VC-Finanzierung. Doch diese Sichtweise ist kurzsichtig, insbesondere in einem inflationären Umfeld. Schulden, intelligent eingesetzt, können ein äußerst mächtiges und nicht-verwässerndes Wachstumsinstrument sein. Wenn die Inflationsrate über dem Zinssatz für einen Kredit liegt, sinkt der reale Wert der Schulden im Laufe der Zeit. Sie zahlen den Kredit mit „billigerem“ Geld zurück, was effektiv einem Rabatt auf die Finanzierung gleichkommt.

Für wachstumsstarke Technologieunternehmen gibt es spezialisierte Formen von Fremdkapital, wie zum Beispiel Venture Debt. Dabei handelt es sich um Darlehen, die speziell auf die Bedürfnisse von Startups zugeschnitten sind, die bereits eine erste Eigenkapitalrunde (z.B. Serie A) abgeschlossen haben. Venture Debt wird oft genutzt, um die Zeit bis zur nächsten Finanzierungsrunde zu überbrücken, ohne eine weitere, potenziell stark verwässernde Eigenkapitalrunde zu ungünstigen Konditionen aufnehmen zu müssen. Zwar beinhalten Venture-Debt-Deals oft sogenannte „Warrants“ (Optionen auf den Kauf von Anteilen), die eine minimale Verwässerung von 0-5 % verursachen, doch diese ist verschwindend gering im Vergleich zu den 20-30 % einer typischen VC-Runde.

In Deutschland bieten unter anderem die KfW und die Europäische Investitionsbank (EIB) solche Instrumente an, um die Kapitaleffizienz von Startups zu stärken. Die Kombination aus Eigen- und Fremdkapital kann eine optimale Kapitalstruktur schaffen: Eigenkapital für risikoreiche Innovationen und Fremdkapital für planbares, skalierbares Wachstum.

Eigenkapital vs. Fremdkapital bei Inflation
Finanzierungsart Verwässerung Rückzahlung Inflationsvorteil
Venture Capital (Eigenkapital) 20-30% pro Runde Keine Keiner
Venture Debt (Fremdkapital) 0-5% (Warrants) Mit Zinsen Realer Wert sinkt bei Inflation
Wandeldarlehen 10-20% bei Wandlung Bei Wandlung keine Bis zur Wandlung vorhanden

Das Wichtigste in Kürze

  • Venture Capital ist ein reines Finanzinstrument, das der „Power Law“-Dynamik folgt; nur das Potenzial für eine 100x-Rendite zählt.
  • Die Details im Term Sheet, insbesondere die Liquidationspräferenz, bestimmen Ihren tatsächlichen Exiterlös – nicht die Pre-Money-Bewertung.
  • Eine saubere Cap Table und ein professioneller Datenraum sind keine Formalitäten, sondern entscheidende Werkzeuge zur Risikominimierung für den Investor.

Positiver Cashflow vs. Gewinn: Warum profitable Firmen trotzdem pleitegehen können?

Für viele Gründer ist Profitabilität das höchste Ziel. Doch im VC-getriebenen Wachstumskontext kann diese Fokussierung trügerisch und sogar gefährlich sein. Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Gewinn und positivem Cashflow. Gewinn ist eine buchhalterische Größe, die auf dem Papier existiert (Umsatz minus Kosten). Cashflow ist das Geld, das tatsächlich auf Ihrem Konto ein- und ausgeht. Ein Unternehmen kann hochprofitabel sein und trotzdem insolvent werden, wenn es seine Rechnungen nicht bezahlen kann – ein klassischer „Cash Crunch“.

Dieses Phänomen ist bei schnell wachsenden Scale-ups besonders verbreitet. Lange Verkaufszyklen, insbesondere im B2B-Geschäft mit deutschen Großkunden, führen dazu, dass zwischen Vertragsabschluss (Umsatzbuchung) und tatsächlichem Zahlungseingang Monate vergehen können. In dieser Zeit müssen jedoch Gehälter, Mieten und Marketingausgaben bezahlt werden. Das Wachstum selbst verbrennt also Liquidität. Obwohl der monatlich wiederkehrende Umsatz (MRR) steigt, wird das Konto leerer. Laut OpenVC-Daten wurden 2024 zwar 8.1 Milliarden Euro in deutsche Startups investiert, doch viele davon erleben genau diese Liquiditätsengpässe.

VCs verstehen diese Dynamik. Sie investieren oft gezielt in unprofitable Unternehmen, um dieses „Wachstumsloch“ mit Kapital zu füllen und eine schnelle Skalierung zu ermöglichen. Sie finanzieren den negativen Cashflow, um Marktanteile zu erobern. Für Gründer bedeutet das, dass das Management des Cashflows die absolute Priorität hat. Eine detaillierte Liquiditätsplanung (Cashflow-Forecast) ist wichtiger als die Gewinn- und Verlustrechnung. Sie müssen jederzeit wissen, wie viele Monate „Runway“ (verbleibende Zeit bis das Geld ausgeht) Sie haben und wann der nächste Kapitalbedarf entsteht. Profitabilität ist ein langfristiges Ziel; ein positiver Cashflow ist das, was das Überleben von Woche zu Woche sichert.

Häufig gestellte Fragen zu Venture Capital und Anteilsstrukturen

Was macht eine Cap Table ‚unsauber‘ für VCs?

Eine Cap Table gilt als unsauber, wenn sie zu viel „Dead Equity“ von ausgeschiedenen Gründern enthält, Business Angels mit unverhältnismäßigen Vetorechten beteiligt sind oder komplexe, nicht-VC-freundliche Rechtsformen wie eine GbR bestehen. Solche Strukturen erschweren schnelle Entscheidungen und zukünftige Finanzierungsrunden.

ESOP oder VSOP – was ist besser für deutsche Startups?

Für deutsche Startups ist ein VSOP (Virtual Stock Option Plan) oft die bessere Wahl, da er die Cap Table weniger kompliziert. Beim VSOP werden keine echten Anteile, sondern nur virtuelle Beteiligungen ohne Stimmrechte vergeben. Das vereinfacht die Verwaltung und vermeidet komplexe notarielle Prozesse, die bei einem echten ESOP (Employee Stock Option Plan) anfallen.

Wie kann man eine unübersichtliche Anteilsstruktur bereinigen?

Eine Bereinigung kann durch den Rückkauf von Anteilen von Frühinvestoren oder ausgeschiedenen Gründern erfolgen. Weitere Möglichkeiten sind Neuverhandlungen mit Altgesellschaftern, um Vetorechte anzupassen, oder das Pooling von kleinen Angel-Investoren in einem Vehikel, um die Anzahl der Gesellschafter in der Cap Table zu reduzieren.

Geschrieben von Felix Neubauer, Seriengründer und Business Angel mit Schwerpunkt auf Venture Capital und Crowdinvesting. Experte für Startup-Finanzierung, Pitch-Decks und Term Sheets.