Nettorendite berechnen: Was von 5 % Zinsen nach Steuern und Inflation wirklich übrig bleibt

Veröffentlicht am März 11, 2024

Die beworbene Zinsrate ist eine Marketing-Zahl; Ihre wahre, reale Rendite ist dramatisch niedriger und oft sogar negativ.

  • Versteckte Kosten wie die TER bei ETFs fressen Ihre Rendite über die Jahre exponentiell auf.
  • Die deutsche Abgeltungsteuer und der Solidaritätszuschlag reduzieren jeden Zinsgewinn um über ein Viertel.
  • Inflation ist keine abstrakte Gefahr, sondern ein konkreter Kaufkraftverlust, der Ihr Kapital jährlich entwertet.

Empfehlung: Ignorieren Sie Nominalzinsen und wenden Sie die „Rendite-Wasserfall“-Methode an, um eine ehrliche Bilanz Ihrer Anlagen zu ziehen. Nur so treffen Sie fundierte Entscheidungen.

Ein Angebot von 5 % Zinsen auf Ihr Kapital klingt verlockend. In einer Welt, in der traditionelle Sparkonten jahrelang kaum Erträge abwarfen, erscheint eine solche Zahl wie ein Versprechen auf soliden Vermögenszuwachs. Viele Anleger neigen dazu, diese Brutto-Zahl als Maßstab für ihren Erfolg zu nehmen. Sie multiplizieren ihr Kapital mit dem Zinssatz und freuen sich über den vermeintlichen Gewinn. Doch diese Betrachtung ist, um es in der Sprache der Mathematik zu sagen, eine unvollständige Gleichung, die zu einem falschen Ergebnis führt.

Die gängigen Ratschläge – „Achten Sie auf die Inflation“ oder „Vergessen Sie die Steuern nicht“ – kratzen nur an der Oberfläche. Sie benennen die Probleme, quantifizieren aber selten deren verheerende kombinierte Wirkung. Der wahre finanzielle Erfolg liegt nicht im Nominalertrag, sondern in dem, was nach Abzug aller unvermeidlichen Faktoren real auf Ihrem Konto ankommt und an Kaufkraft gewinnt. Die eigentliche Frage ist nicht, was Sie verdienen, sondern was Ihnen nach Abzug von Kosten, Steuern und Inflation tatsächlich bleibt.

Doch wenn die Bruttorendite nicht die Antwort ist, was ist dann die richtige Herangehensweise? Die Antwort liegt in einer nüchternen, schrittweisen Analyse – einer Art Rendite-Wasserfall, bei dem von der ursprünglichen Rendite Stufe für Stufe die realen Abzüge abgehen. Dieser Artikel führt Sie durch genau diese Berechnung. Wir werden die mathematische Realität hinter den Marketing-Versprechen aufdecken und Ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, um die wahre Nettorendite Ihrer Investitionen zu ermitteln. Es ist an der Zeit, die Geldwertillusion zu durchbrechen und eine ehrliche Bilanz zu ziehen.

Um Ihnen eine klare und strukturierte Anleitung zu geben, gliedert sich dieser Artikel in mehrere logische Schritte. Jeder Abschnitt beleuchtet einen kritischen Aspekt der Nettorendite-Berechnung, von der grundlegenden Theorie bis hin zu spezifischen Anlageklassen und Fallbeispielen.

Wie nutzen Sie die Fisher-Gleichung für Ihre persönliche Finanzplanung?

Bevor wir uns in spezifische Kosten vertiefen, müssen wir ein fundamentales Konzept verstehen: den Unterschied zwischen nominaler und realer Rendite. Die nominale Rendite ist die Prozentzahl, die Ihnen Ihre Bank oder Ihr Broker anzeigt – die 5 % aus unserem Beispiel. Die reale Rendite hingegen ist das, was von dieser Rendite nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Die Fisher-Gleichung ist das mathematische Werkzeug, das diese beiden Werte miteinander verbindet und die erste Stufe unserer ernüchternden Analyse darstellt.

Die vereinfachte Formel lautet: Realzins ≈ Nominalzins – Inflationsrate. Sie zeigt auf einen Blick, ob Ihr Geld an Kaufkraft gewinnt oder verliert. Eine präzisere Berechnung, die auch bei höheren Raten exakt bleibt, ist die Formel: Realzins = ((1 + Nominalzins) / (1 + Inflationsrate)) – 1. Was abstrakt klingt, hat drastische Konsequenzen. Eine Analyse zeigt, dass Sparer in Deutschland trotz scheinbarer Zinsgewinne real Geld verloren haben, denn laut historischen Daten der letzten Dekade lag der durchschnittliche Realzins oft im negativen Bereich. Das bedeutet, dass die Kaufkraft des Ersparten trotz Zinsgutschriften geschrumpft ist.

Die Anwendung der Fisher-Gleichung ist der erste und wichtigste Schritt zur finanziellen Klarheit. Sie zwingt Sie, die Inflationsrate nicht als eine allgemeine Nachricht, sondern als eine persönliche Kostenposition zu betrachten, die direkt von Ihrem Ertrag abgezogen wird. Erst wenn der Realzins nach dieser ersten Berechnung positiv ist, haben Sie überhaupt eine Chance, Ihr Vermögen zu vermehren.

Ihr Plan zur Berechnung der realen Rendite

  1. Nominalrendite bestimmen: Identifizieren Sie den exakten Zinssatz oder die erwartete Rendite Ihrer Anlage (z.B. 3-4% bei Festgeld in Deutschland 2024).
  2. Inflationsrate ermitteln: Recherchieren Sie die aktuelle, offizielle Inflationsrate für Deutschland beim Statistischen Bundesamt (Destatis).
  3. Realrendite berechnen: Wenden Sie die Fisher-Formel an: (1 + Nominalzins) / (1 + Inflation) – 1, um Ihren realen Ertrag vor Steuern zu erhalten.
  4. Steuerfreibetrag berücksichtigen: Beziehen Sie den Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € für Einzelpersonen (2.000 € für Verheiratete) in Ihre Kalkulation mit ein.
  5. Steuern abziehen: Kalkulieren Sie die Abgeltungsteuer von 26,375 % (inkl. Soli und ggf. Kirchensteuer) auf alle Kapitalerträge, die den Freibetrag übersteigen.

Wie stark reduziert eine TER von 0,8 % Ihre Nettorendite über 15 Jahre?

Nachdem die Inflation den ersten großen Teil der Rendite beansprucht hat, tritt die zweite Kraft auf den Plan: die Kosten. Insbesondere bei Anlageprodukten wie ETFs oder Investmentfonds werden diese durch die Total Expense Ratio (TER), also die Gesamtkostenquote, ausgedrückt. Eine TER von 0,8 % mag auf den ersten Blick geringfügig erscheinen. Doch über lange Anlagezeiträume entfaltet sie durch den Zinseszinseffekt eine zerstörerische Wirkung auf Ihr Endkapital.

Der Fehler liegt darin, die Kosten als linearen Abzug zu betrachten. In Wahrheit reduzieren die Kosten jedes Jahr Ihr Kapital, das dann im Folgejahr nicht mehr zur Renditeerzielung zur Verfügung steht. Dieser Effekt potenziert sich. Eine scheinbar kleine Differenz in der TER, etwa zwischen einem günstigen ETF mit 0,2 % und einem teureren mit 0,8 %, führt über 15 oder 20 Jahre zu Tausenden von Euro an entgangenem Gewinn. Die Kosten fressen nicht nur einen Teil Ihrer Rendite, sondern auch die Rendite auf die Rendite.

Visueller Vergleich der Kostenauswirkungen verschiedener TER-Sätze über Zeit

Dieses Prinzip wird oft unterschätzt. Eine Fallstudie zu MSCI World ETFs zeigt, dass die TER-Bandbreite zwischen 0,12 % und 0,5 % liegt. Bei einem Investment von 25.000 Euro kann diese Differenz über 15 Jahre einen Unterschied von über 1.700 Euro ausmachen. Die Lehre daraus ist eindeutig: Jeder Zehntelprozentpunkt an Kosten zählt und sollte bei der Produktauswahl eine entscheidende Rolle spielen. Die folgende Tabelle verdeutlicht diesen Effekt eindrücklich.

Die Zahlen in der folgenden Tabelle, die auf einer vergleichenden Analyse basieren, zeigen den dramatischen Unterschied, den eine scheinbar geringe Kostendifferenz über die Zeit ausmacht.

Kostenvergleich: ETF mit 0,2% vs. 0,8% TER über 15 Jahre
Parameter ETF mit 0,2% TER ETF mit 0,8% TER Differenz
Anfangskapital 10.000€ 10.000€
Jährliche Rendite (brutto) 7% 7%
Nettorendite p.a. 6,8% 6,2% -0,6%
Endkapital nach 15 Jahren ~26.500€ ~24.300€ -2.200€
Gesamtkosten ~800€ ~3.000€ +2.200€

Bruttomietrendite vs. Eigenkapitalrendite nach Steuer: Welche Zahl zählt wirklich?

Wechseln wir die Anlageklasse zu Immobilien. Hier ist die Verlockung der Bruttorechnung besonders groß. Die Bruttomietrendite (Jahreskaltmiete / Kaufpreis) ist schnell berechnet und wird oft als Verkaufsargument genutzt. Doch diese Zahl ist für einen Investor nahezu wertlos. Die wahre Kennzahl ist die Nettomietrendite nach Abzug aller Kosten und vor Steuern, und letztlich die Eigenkapitalrendite nach Steuern.

Die Liste der Abzüge ist lang und wird von Laien systematisch unterschätzt. Dazu gehören nicht nur die offensichtlichen Posten wie Zinsen für den Kredit, sondern eine ganze Reihe von nicht umlagefähigen Kosten. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland 3,5 bis 4% Nettorendite ein Idealwert sind, während Bruttorenditen von mindestens 5% erzielt werden sollten, um überhaupt eine Chance auf ein profitables Investment zu haben. Das zeigt, wie groß die Lücke zwischen Brutto- und Netto-Betrachtung ist.

Die wirklich entscheidenden Abzüge sind oft die, die nicht monatlich anfallen, aber dennoch budgetiert werden müssen. Hier eine unvollständige, aber essenzielle Liste der Kosten, die von der Bruttomiete abgehen, bevor Sie auch nur einen Euro Gewinn sehen:

  • Nicht umlagefähige Nebenkosten: Kosten für die Hausverwaltung (typischerweise 20-30 € pro Einheit) oder Bankgebühren, die der Eigentümer trägt.
  • Instandhaltungsrücklage: Ein entscheidender Posten, um für zukünftige Reparaturen (Dach, Heizung) gewappnet zu sein. Die Peterssche Formel ist hier ein gängiger Richtwert.
  • Mietausfallwagnis: Eine kalkulatorische Reserve für Zeiten des Leerstands oder bei zahlungsunwilligen Mietern, oft mit 2-3 % der Jahresnettokaltmiete angesetzt.
  • Grundsteuer: Diese variiert je nach Kommune erheblich durch unterschiedliche Hebesätze und muss vom Eigentümer getragen werden.
  • Abschreibung für Abnutzung (AfA): Ein steuerlicher Vorteil, der aber in der korrekten Renditeberechnung berücksichtigt werden muss.

Erst wenn all diese Posten von der Kaltmiete abgezogen sind, erhält man den Jahresreinertrag. Teilt man diesen durch das eingesetzte Eigenkapital, erhält man die Eigenkapitalrendite – die einzige Zahl, die wirklich zählt und den Erfolg Ihres Investments misst.

Der Fehler der Geldwertillusion: Warum Sie sich mit 2 % Zins bei 3 % Inflation ärmer sparen

Die Geldwertillusion ist einer der hartnäckigsten Denkfehler in der Finanzplanung. Es ist das psychologische Phänomen, dass Menschen dazu neigen, in nominalen Werten (Euro-Beträgen) statt in realen Werten (Kaufkraft) zu denken. Sie sehen, dass der Kontostand von 10.000 € auf 10.200 € steigt (2 % Zins) und empfinden dies als Gewinn. Sie ignorieren dabei, dass die Preise für Waren und Dienstleistungen im selben Zeitraum um 3 % gestiegen sind. In Wahrheit können sie sich mit den 10.200 € nun weniger kaufen als zuvor mit den 10.000 €.

Dieser schleichende Prozess der Enteignung ist tückisch, weil er nicht unmittelbar schmerzt. Anders als bei einem Börsencrash, bei dem der Depotwert sichtbar sinkt, bleibt der nominale Wert auf dem Sparkonto stabil oder steigt sogar leicht an. Doch die Kaufkraft erodiert unaufhaltsam. Berechnungen für Deutschland zeigen, dass durch diesen Effekt 1.000 Euro in nur 11 Jahren fast ein Fünftel an realem Wert verloren haben. Das ist keine Theorie, das ist die mathematische Realität für Millionen von Sparern in Deutschland.

Der Finanzexperte Thomas von Finanzfluss bringt es auf den Punkt und warnt vor dieser Falle, die besonders bei vermeintlich sicheren Anlagen wie Tagesgeldkonten zuschnappt:

Sparbücher und einige Tagesgeldkonten haben eine negative reale Rendite. Das bedeutet, dass die nominale Rendite geringer ist als die Inflationsrate und ihr somit an Kaufkraft verliert.

– Finanzfluss-Experte Thomas, YouTube-Video über Inflation und Realzinsen

Die Überwindung der Geldwertillusion ist ein mentaler Kraftakt. Es erfordert die Disziplin, jede Renditeangabe sofort gedanklich um die aktuelle Inflationsrate zu korrigieren. Ein Zinssatz unterhalb der Inflationsrate ist kein Gewinn, sondern ein subventionierter Verlust. Sie bezahlen die Bank dafür, dass Ihr Geld langsamer an Wert verliert, als wenn es unterm Kopfkissen liegen würde – aber es verliert an Wert. Das zu akzeptieren, ist der erste Schritt zu wirklich intelligenten Anlageentscheidungen.

Wie viel Nettorendite brauchen Sie, um ohne Kapitalverzehr von Ihren Zinsen zu leben?

Für viele ist das ultimative Ziel des Investierens die finanzielle Freiheit – der Punkt, an dem man von den Erträgen seines Kapitals leben kann, ohne die Substanz anzugreifen. Doch wie hoch muss die Nettorendite sein, um dieses Ziel zu erreichen? Die berühmte 4%-Regel bietet hier einen Anhaltspunkt, muss aber für den deutschen Kontext angepasst werden. Sie besagt, dass man jährlich 4 % seines Anfangsvermögens entnehmen kann, wobei die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass das Kapital über 30 Jahre nicht aufgebraucht wird.

Die Krux liegt jedoch im Detail. Die 4 % sind eine Brutto-Entnahme. Davon müssen in Deutschland Kapitalertragsteuern gezahlt werden. Zudem muss die Entnahme jährlich an die Inflation angepasst werden, um die Kaufkraft zu erhalten. Eine realistischere Planung für Deutschland geht daher eher von einer 3%-Regel aus. Das bedeutet, Ihre Anlagestrategie muss nach Kosten und Inflation eine Nettorendite von mindestens 3 % p.a. erwirtschaften, um einen Kapitalerhalt bei gleichzeitiger Entnahme zu gewährleisten. Eine Studie zur Entnahmeplanung zeigt, dass Rentner die Auszahlung regelmäßig an die Inflation anpassen können, um den Kaufkraftverlust auszugleichen, was die Notwendigkeit einer soliden Renditebasis unterstreicht.

Die erforderliche Nettorendite hat massive Auswirkungen auf das benötigte Kapital. Je niedriger Ihre erzielbare Nettorendite, desto gigantischer muss Ihr Kapitalstock sein, um einen bestimmten Lebensstandard zu finanzieren. Die folgende Tabelle illustriert diesen Zusammenhang für eine gewünschte monatliche Netto-Entnahme von 2.500 € (30.000 € pro Jahr).

Die nachfolgende Aufstellung, basierend auf einer Analyse zur 4-Prozent-Regel, macht deutlich, wie kritisch eine hohe Nettorendite für die Ruhestandsplanung ist.

Benötigtes Kapital für 2.500€ monatliche Nettoentnahme
Nettorendite p.a. Benötigtes Kapital Jährliche Entnahme Kapitalerhalt
2% 1.500.000€ 30.000€ Ja
3% 1.000.000€ 30.000€ Ja
4% 750.000€ 30.000€ Ja
5% 600.000€ 30.000€ Ja

Die Botschaft ist unmissverständlich: Eine Rendite von 2 % netto erfordert doppelt so viel Kapital wie eine Rendite von 4 % netto, um denselben Lebensstandard zu finanzieren. Die Jagd nach einer soliden Nettorendite ist also keine akademische Übung, sondern die Grundlage für einen sorgenfreien Ruhestand.

Tagesgeldzins 3 % bei Inflation 4 %: Warum Sie real immer noch Geld verlieren

Betrachten wir nun den „Rendite-Wasserfall“ an einem konkreten, alltäglichen Beispiel: ein Tagesgeldkonto mit 3 % Zinsen bei einer angenommenen Inflation von 4 %. Auf den ersten Blick scheint dies ein passables Angebot zu sein. Doch die Mathematik der Nettorendite enthüllt eine unbequeme Wahrheit. Experten warnen genau vor dieser Konstellation, der sogenannten Realzinsfalle, bei der die Zinsen die Inflationsrate nicht ausgleichen können.

Lassen Sie uns die Rechnung Schritt für Schritt für ein Anlagekapital von 10.000 € durchführen. Es ist eine einfache, aber augenöffnende Übung, die jeder Sparer durchführen sollte. Die Bruttorendite ist der Ausgangspunkt, von dem aus die Abzüge gnadenlos Stufe für Stufe abgehen, bis am Ende die ernüchternde Realität steht: ein negativer realer Ertrag, also ein Kaufkraftverlust.

Die folgende Wasserfall-Rechnung zerlegt den Prozess und zeigt, wie aus einem scheinbaren Gewinn von 300 € ein realer Verlust von 179 € wird. Die Abgeltungsteuer wird hier auf den gesamten Zinsertrag angewendet, da wir zur Vereinfachung annehmen, der Sparer-Pauschbetrag sei bereits durch andere Anlagen ausgeschöpft.

Wasserfall-Rechnung: Realer Verlust bei 3% Tagesgeld und 4% Inflation
Schritt Berechnung Betrag bei 10.000€
1. Bruttozinsertrag 10.000€ × 3% +300€
2. Abgeltungsteuer 300€ × 26,375% -79€
3. Nettozinsertrag 300€ – 79€ +221€
4. Inflationsverlust 10.000€ × 4% -400€
5. Realer Verlust 221€ – 400€ -179€

Das Ergebnis ist eindeutig: Trotz einer Zinsgutschrift von 221 € nach Steuern hat Ihr Kapital eine reale Kaufkraft von 179 € verloren. Sie haben nominal mehr Geld, können sich aber real weniger dafür kaufen. Dieses Beispiel ist der ultimative Beweis dafür, warum die alleinige Betrachtung des Nominalzinses in die Irre führt und die Berechnung der Nettorendite unerlässlich ist.

Ab welcher Laufzeit holt der Steuervorteil die 1 % Versicherungskosten wieder rein (Break-Even)?

Eine häufig diskutierte Alternative zum klassischen ETF-Depot ist der sogenannte Versicherungsmantel, also eine fondsgebundene Rentenversicherung. Das Hauptargument der Befürworter sind die steuerlichen Vorteile bei der Auszahlung. Werden die Erträge nach dem 62. Lebensjahr und nach einer Laufzeit von mindestens 12 Jahren entnommen, muss nur die Hälfte der Erträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert werden (Halbeinkünfteverfahren). Dies kann gegenüber der pauschalen Abgeltungsteuer im Depot einen erheblichen Vorteil darstellen.

Doch dieser Vorteil hat einen Preis: hohe laufende Kosten. Während ein günstiger ETF mit 0,2 % TER auskommt, liegen die jährlichen Kosten für einen Versicherungsmantel oft bei 1 % bis 1,5 % oder mehr. Die entscheidende Frage für einen rationalen Anleger ist also: Ab wann kompensiert der spätere Steuervorteil die jahrelang gezahlten, höheren Kosten? Dies ist eine klassische Break-Even-Analyse.

Fallbeispiel: Break-Even-Analyse ETF-Depot vs. Versicherungsmantel

Eine Analyse für das deutsche Steuerrecht zeigt, dass der steuerliche Vorteil des Halbeinkünfteverfahrens erst nach einer langen Haltedauer die höheren laufenden Kosten ausgleicht. Der Break-Even-Punkt, an dem der Versicherungsmantel anfängt, sich gegenüber einem günstigen ETF-Depot zu lohnen, liegt typischerweise erst in einem Korridor von 15 bis 20 Jahren. Dieser genaue Zeitpunkt hängt stark von der erzielten Rendite, den exakten Kosten und dem persönlichen Grenzsteuersatz im Rentenalter ab.

Die Entscheidung für oder gegen einen Versicherungsmantel ist also keine Glaubensfrage, sondern eine mathematische Abwägung. Man muss die höheren laufenden Kosten als eine Investition in einen zukünftigen Steuervorteil betrachten. Für Anleger mit einem langen Anlagehorizont und einem hohen zu erwartenden Steuersatz im Alter kann sich diese Wette auszahlen. Für alle anderen ist das klassische, kostengünstige Depot in der Regel die rentablere und vor allem flexiblere Alternative, da das Kapital jederzeit ohne steuerschädliche Kündigung verfügbar ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die wahre Rendite ist immer die Netto-Realrendite nach Kosten, Steuern und Inflation.
  • Kleine prozentuale Unterschiede bei Kosten (TER) haben über lange Zeiträume eine massive, negative Zinseszinz-Wirkung.
  • Anlageklassen wie Immobilien erfordern eine detailgenaue Nettorechnung, die weit über die einfache Bruttomietrendite hinausgeht.

Ihr Nettovermögen berechnen: Zählt das eigene Auto oder die Rentenversicherung wirklich zum Reichtum?

Nachdem wir die Rendite einzelner Anlagen seziert haben, zoomen wir zum Abschluss heraus und betrachten das Gesamtbild: Ihr Nettovermögen. Dies ist die ehrlichste Bilanz Ihrer finanziellen Situation, berechnet als Summe aller Vermögenswerte abzüglich aller Verbindlichkeiten. Doch hier lauert die nächste Definitionsfalle: Was zählt wirklich als Vermögenswert?

Viele neigen dazu, Konsumgüter wie das eigene Auto zum Vermögen zu zählen. Mathematisch ist das zwar korrekt, wenn man den aktuellen Verkaufswert ansetzt, aber ökonomisch irreführend. Ein Auto ist ein konsumptiver Vermögensgegenstand: Es verliert rapide an Wert (Abschreibung) und verursacht laufende Kosten (Versicherung, Wartung, Steuern). Es generiert kein Einkommen. Im Gegensatz dazu stehen produktive Vermögenswerte wie Aktien oder vermietete Immobilien, die das Potenzial haben, Erträge zu erwirtschaften.

Besonders schwierig ist die Bewertung von Rentenansprüchen. Der Anspruch aus der gesetzlichen Rentenversicherung ist kein liquides Vermögen, sondern ein Versprechen des Staates auf zukünftige Zahlungen. Man kann dessen Barwert zwar schätzen, aber man kann nicht darüber verfügen. Bei privaten Rentenversicherungen ist die Sache noch ernüchternder: Für die aktuelle Nettovermögensbilanz zählt nicht der in Aussicht gestellte Ablaufwert, sondern nur der oft enttäuschend niedrige Rückkaufswert.

Finanzexperten betonen die Wichtigkeit dieser Unterscheidung, insbesondere bei der größten Anlage vieler Deutscher, dem Eigenheim:

Die selbstgenutzte Immobilie ist eine Mischform zwischen produktivem und konsumptivem Vermögen – sie spart Miete, generiert aber keine direkten Einnahmen.

– Finanzexperten, Analyse produktives vs. konsumptives Vermögen

Eine ehrliche Nettovermögensaufstellung trennt klar zwischen produktiven Anlagen, die für Sie arbeiten, und konsumptiven Gütern, die an Wert verlieren. Diese klare Trennung ist die Grundlage für eine realistische Einschätzung Ihrer finanziellen Lage und für strategische Entscheidungen zur Steigerung des produktiven Vermögensanteils.

Beginnen Sie noch heute damit, eine ehrliche Bilanz Ihrer Anlagen zu ziehen. Nur wenn Sie die wahre Nettorendite kennen und Ihr Vermögen korrekt bewerten, können Sie fundierte Entscheidungen für eine sichere finanzielle Zukunft treffen und dem schleichenden Kaufkraftverlust aktiv entgegenwirken.

Häufige Fragen zur Berechnung des Nettovermögens

Zählt mein Auto zum Nettovermögen?

Das Auto ist ein konsumptiver Vermögensgegenstand, der an Wert verliert und laufende Kosten verursacht. Es sollte nur mit dem aktuellen Verkaufswert ins Nettovermögen eingerechnet werden, aber als nicht-produktiver Teil verstanden werden.

Wie bewerte ich meine gesetzlichen Rentenansprüche?

Die gesetzliche Rente ist kein liquides Vermögen, sondern ein Anspruch auf zukünftiges Einkommen. Man kann den Barwert über die Entgeltpunkte schätzen, aber dieser Wert ist nicht frei verfügbar und gehört daher nicht in die klassische Nettovermögensbilanz liquider Mittel.

Welcher Wert zählt bei privaten Rentenversicherungen?

Für die Berechnung des aktuellen, verfügbaren Nettovermögens zählt ausschließlich der oft enttäuschende Rückkaufswert, nicht der prognostizierte, zukünftige Ablaufwert. Letzterer ist eine reine Prognose.

Geschrieben von Stefanie Klein, Zertifizierte Finanzplanerin (CFP) und Honorarberaterin. Spezialisiert auf Altersvorsorge, Versicherungsanalysen und privaten Vermögensaufbau ohne Interessenkonflikte.