Liquiditätsengpass trotz voller Auftragsbücher? So sichern Sie Ihre Existenz als Selbstständiger

Veröffentlicht am September 15, 2024

Volle Auftragsbücher schützen nicht vor der Insolvenz – ein Mangel an Liquidität hingegen schon. Die Fähigkeit, Rechnungen zu bezahlen, ist der wahre Puls Ihres Unternehmens.

  • Eine rollierende 12-Wochen-Planung ist Ihr unverzichtbares Frühwarnsystem, um Engpässe zu erkennen, bevor sie existenzbedrohend werden.
  • Im akuten Notfall hat die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen absolute Priorität, da Nichtzahlung eine Straftat darstellt. Fast alles andere ist verhandelbar.

Empfehlung: Richten Sie sofort ein separates Rücklagenkonto für Steuern ein. Dies ist die wirksamste Einzelmaßnahme, um den häufigsten Liquiditätskiller für Selbstständige zu entschärfen.

Es ist das zermürbendste Paradox für viele Selbstständige und Unternehmer in Deutschland: Die Auftragsbücher sind voll, das Team ist ausgelastet, doch das Geschäftskonto ist erschreckend leer. Sie leisten exzellente Arbeit, aber Ihre Kunden lassen sich mit der Bezahlung Zeit. Dieser Zustand ist mehr als nur frustrierend – er ist existenzbedrohend. Viele Ratgeber empfehlen dann, einen „Liquiditätsplan zu erstellen“ oder „Kosten zu sparen“. Doch diese Ratschläge greifen zu kurz, wenn die Löhne nächste Woche fällig sind und die Umsatzsteuervorauszahlung droht, Ihr Konto zu sprengen.

Die Wahrheit ist: In einem Umfeld, in dem laut aktuellen Statistiken die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stark ansteigt, ist Liquiditätsmanagement kein administrativer Akt, sondern ein aktives Krisenabwehrsystem. Es geht nicht darum, einen statischen Jahresplan zu erstellen, der nach drei Monaten veraltet ist. Es geht darum, ein dynamisches System zu etablieren, das Ihnen von Woche zu Woche das Überleben sichert. Der Schlüssel liegt nicht allein in der Vorausschau, sondern in der knallharten Priorisierung und dem gezielten Einsatz der richtigen Finanzierungshebel, wenn das Geld trotz aller Planung ausbleibt.

Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie eine solche Liquiditäts-Firewall für Ihr Unternehmen aufbauen. Wir gehen über die üblichen Platitüden hinaus und konzentrieren uns auf die Mechanismen, die wirklich einen Unterschied machen: von der rollierenden 12-Wochen-Planung über die psychologisch kluge Rechnungsstellung bis hin zur unmissverständlichen Prioritätenliste, wenn der absolute Notfall eintritt. Sie lernen, den Unterschied zwischen profitablem Geschäft und zahlungsfähigem Geschäft zu verstehen – und warum Letzteres über Ihre unternehmerische Zukunft entscheidet.

Der folgende Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden Strategien, um Ihre Zahlungsfähigkeit zu jeder Zeit zu gewährleisten und Ihr Unternehmen auch in stürmischen Zeiten auf Kurs zu halten. Entdecken Sie die Werkzeuge und Kennzahlen, die Ihnen die wahre Kontrolle über Ihre Finanzen zurückgeben.

Wie planen Sie Ein- und Auszahlungen für die nächsten 12 Wochen rollierend?

Ein statischer Jahresplan ist für das Management der täglichen Zahlungsfähigkeit wertlos. Was Sie benötigen, ist ein dynamisches Cockpit, das Ihnen jederzeit einen klaren Blick auf die nächsten kritischen Wochen gibt. Eine rollierende 12-Wochen-Liquiditätsplanung ist Ihr unverzichtbares Frühwarnsystem. Sie zeigt Ihnen präzise, wann Engpässe drohen, und gibt Ihnen genug Zeit, um gegenzusteuern, anstatt nur zu reagieren. Die steigende Zahl von 21.812 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im Jahr 2024, ein Anstieg von 22,4 % gegenüber dem Vorjahr, unterstreicht die dramatische Notwendigkeit einer solchen proaktiven Steuerung.

Der Kerngedanke ist einfach: Jede Woche aktualisieren Sie Ihre Prognose, indem Sie die abgelaufene Woche streichen und eine neue Woche am Ende des 12-Wochen-Horizonts hinzufügen. So bleibt Ihr Blick stets auf die nahe Zukunft gerichtet. Die Basis dafür ist eine ehrliche Analyse aller wiederkehrenden und unregelmäßigen Zahlungseingänge und -ausgänge. Dazu gehören nicht nur Umsatzerlöse und Lieferantenrechnungen, sondern auch Gehälter, Mieten, Leasingraten, Kredit-Tilgungen, Versicherungen und vor allem die oft vergessenen Steuer- und Sozialversicherungsvorauszahlungen.

Beginnen Sie mit einer tiefen Analyse Ihrer Geschäftsvorfälle der letzten zwei Jahre, um Muster und Saisonalitäten zu erkennen. Welche Kunden zahlen notorisch spät? Welche unerwarteten Kosten tauchten regelmäßig auf? Diese historische Perspektive ist Gold wert, um eine realistische Basisplanung zu erstellen. Moderne Buchhaltungstools können über eine PSD2-Schnittstelle Ihre tatsächlichen Kontobewegungen automatisch importieren und mit der Planung abgleichen. Dieser Soll-Ist-Vergleich ist der Moment der Wahrheit und der wichtigste Schritt zur kontinuierlichen Verbesserung Ihrer Prognosegenauigkeit.

Wie schreiben Sie Rechnungen, die Kunden sofort bezahlen (Skonto und Zahlungsziele)?

Die schnellste und günstigste Liquidität ist die, die Ihnen bereits zusteht: das Geld aus Ihren offenen Forderungen. Jede Rechnung ist im Grunde ein zinsloser Kredit, den Sie Ihrem Kunden gewähren. Das Ziel muss daher sein, diesen Zeitraum so kurz wie möglich zu halten. Während die durchschnittliche Zahlungsfrist in Deutschland mit 32 Tagen im europäischen Vergleich kurz ist, kann schon eine einzige verspätete Großrechnung Ihre gesamte Planung ins Wanken bringen. Es sind gezielte Zahlungsmoral-Hebel auf Ihren Rechnungen, die den Unterschied machen.

Ein mächtiges Instrument ist das Skonto. Ein Angebot von 2 % oder 3 % Nachlass bei Zahlung innerhalb einer kurzen Frist (z. B. 10 Tage) wirkt auf viele Buchhaltungen wie ein Magnet. Für den Kunden ist es eine einfach verdiente Rendite, für Sie ist es der entscheidende Beschleuniger für Ihren Cashflow. Kalkulieren Sie das Skonto von vornherein in Ihre Preise ein, sodass es Sie im Endeffekt nichts kostet. Setzen Sie zudem klare und unmissverständliche Zahlungsziele. Statt vager Formulierungen wie „zahlbar nach Erhalt“ verwenden Sie ein konkretes Datum: „Zahlbar bis zum [Datum]“. Dies schafft Verbindlichkeit und erleichtert Ihr Mahnwesen.

Die Professionalität Ihrer Rechnung spielt ebenfalls eine psychologische Rolle. Eine übersichtliche, fehlerfreie und vollständig ausgefüllte Rechnung (mit allen Pflichtangaben) wird schneller bearbeitet. Bieten Sie zudem einfache Zahlungsmethoden an, beispielsweise durch einen QR-Code für eine direkte Banküberweisung oder einen Link zu einem Zahlungsdienstleister. Jeder Klick, den Sie Ihrem Kunden ersparen, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Zahlung.

Optimierte Rechnungsgestaltung für schnellere Zahlungen mit Fokus auf Skonto und Zahlungsziel.

Eine Studie im deutschen Handwerk zeigte, dass sich die durchschnittlichen Zahlungsziele im ersten Halbjahr 2024 von 29,93 auf 31,37 Tage erhöhten. Dies führte zu einem signifikanten Anstieg des offenen Forderungsvolumens und verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Kontrolle über die eigenen Zahlungsbedingungen zu behalten und nicht passiv die Konditionen der Kunden zu akzeptieren.

Forderungen verkaufen oder Kontokorrent nutzen: Was sichert die Löhne schneller?

Selbst bei perfekter Planung kann es vorkommen, dass eine große Zahlung ausbleibt und die Liquidität für Gehälter oder wichtige Lieferanten fehlt. In solchen Momenten benötigen Sie eine schnelle Finanzierungsbrücke. Die beiden gängigsten Instrumente für Selbstständige und KMU sind der Kontokorrentkredit und das Factoring. Die Wahl des richtigen Instruments hängt entscheidend von Ihrer Situation ab und kann über die kurzfristige Stabilität Ihres Unternehmens entscheiden.

Der Kontokorrentkredit ist die klassische Überziehungslinie Ihrer Bank. Er ist flexibel und steht bei Bedarf sofort zur Verfügung. Seine große Schwäche sind jedoch die hohen Kosten: Zinssätze von 8 % bis 14 % p. a. sind keine Seltenheit. Er eignet sich daher nur für sehr kurzfristige, unregelmäßige Engpässe von wenigen Tagen oder Wochen. Eine dauerhafte Nutzung ist ein teurer Weg in die Schuldenfalle und erhöht Ihre Abhängigkeit von der Bank.

Factoring ist eine oft übersehene, aber sehr wirksame Alternative. Hierbei verkaufen Sie Ihre offenen Forderungen an ein Factoring-Unternehmen. Sie erhalten sofort nach Rechnungsstellung 80 % bis 90 % der Rechnungssumme, den Rest nach Zahlung durch den Endkunden. Der große Vorteil: Sie erhalten Ihr Geld sofort und geben im Falle des „echten Factorings“ sogar das Ausfallrisiko ab. Die Kosten liegen meist zwischen 0,5 % und 2,5 % der Forderungssumme, was oft günstiger ist als ein überzogener Kontokorrentkredit. Factoring eignet sich besonders, wenn Sie regelmäßig viele Rechnungen an bonitätsstarke Unternehmen stellen.

Die Dringlichkeit, Liquidität für Löhne zu sichern, wird durch die aktuelle wirtschaftliche Lage unterstrichen. Wie Bernd Bütow, Geschäftsführer von Creditreform, warnt:

Die Zahl der bedrohten oder weggefallenen Arbeitsplätze ist 2024 auf rund 320.000 gestiegen – erheblich mehr als 2023 mit 205.000. Liquiditätssicherung ist essentiell für den Erhalt von Arbeitsplätzen.

– Bernd Bütow, Creditreform Geschäftsführer

Die folgende Tabelle hilft Ihnen, die für Sie passende Option zu finden:

Vergleich: Factoring vs. Kontokorrentkredit
Kriterium Factoring Kontokorrentkredit
Verfügbarkeit Sofort nach Rechnungsstellung (80-90% der Summe) Jederzeit bis zur Kreditlinie
Kosten 0,5-2,5% der Forderungssumme 8-14% p.a. Zinsen
Eignung Viele Rechnungen an bonitätsstarke Unternehmen Unregelmäßige, kurzfristige Engpässe
Risiko Ausfallrisiko beim Factor Persönliche Haftung

Die Gefahr der Umsatzsteuervorauszahlung: Wie legen Sie Rücklagen liquide aber getrennt an?

Einer der häufigsten und gefährlichsten Liquiditätskiller für Selbstständige ist die Umsatzsteuervorauszahlung. Das Geld, das Sie von Ihren Kunden erhalten, enthält 19 % (oder 7 %), die Ihnen nicht gehören. Es ist lediglich ein durchlaufender Posten für das Finanzamt. Viele Unternehmer machen den Fehler, die Brutto-Umsätze als verfügbare Liquidität zu betrachten. Wenn dann die Vorauszahlung fällig wird, reißt sie ein tiefes, oft unerwartetes Loch in das Geschäftskonto. Eine verspätete Zahlung ist keine Option, denn nach den Regelungen des deutschen Finanzamts droht ein Säumniszuschlag von 1 % pro angefangenem Monat der Verspätung.

Die einzige wirksame Strategie dagegen ist eine eiserne disziplinarische Trennung. Behandeln Sie die Umsatzsteuer wie Fremdgeld, das es ist. Die beste Methode hierfür ist die Einrichtung einer Liquiditäts-Firewall durch ein einfaches, aber extrem wirksames Drei-Konten-Modell. Dieses System schützt Ihre operative Liquidität vor dem Zugriff durch zukünftige Steuerverbindlichkeiten.

Das Modell besteht aus drei separaten Konten:

  • Hauptgeschäftskonto: Hier laufen alle Ihre operativen Zahlungseingänge und -ausgänge. Es ist das Herzstück Ihres täglichen Geschäfts.
  • Rücklagenkonto: Dies ist Ihr „Finanzamt-Konto“. Richten Sie einen Dauerauftrag ein, der sofort nach jedem größeren Zahlungseingang (oder pauschal wöchentlich/monatlich) die vereinnahmte Umsatzsteuer sowie eine Schätzung Ihrer Einkommen- oder Körperschaftsteuer-Vorauszahlung auf dieses Konto überweist. Dieses Geld ist tabu für operative Ausgaben.
  • Privatkonto: Definieren Sie eine feste monatliche Privatentnahme, die Sie sich vom Hauptgeschäftskonto überweisen. Dies schafft eine klare Trennung zwischen Unternehmensfinanzen und privatem Lebensunterhalt und verhindert ungeplante, liquiditätsschädliche Entnahmen.

Dieses System zwingt Sie zu finanzieller Disziplin und gibt Ihnen einen realistischen Blick auf Ihre tatsächlich verfügbare Liquidität. Es ist die einfachste und zugleich stärkste Verteidigung gegen böse Überraschungen bei der nächsten Steuervorauszahlung.

Ihr Plan zur Einrichtung der Drei-Konten-Strategie

  1. Konten eröffnen: Richten Sie zwei weitere (oft kostenlose) Unter- oder Tagesgeldkonten für Ihre Rücklagen und Privatentnahmen ein.
  2. Rücklagenquote festlegen: Berechnen Sie den Prozentsatz, den Sie von jedem Umsatz zurücklegen müssen (z.B. 19% USt + 25% geschätzte ESt/GewSt).
  3. Automatisierung einrichten: Erstellen Sie einen Dauerauftrag vom Hauptkonto auf das Rücklagenkonto, der wöchentlich oder monatlich ausgeführt wird.
  4. Privatentnahme definieren: Legen Sie einen festen, realistischen Betrag als monatliches „Unternehmergehalt“ fest und überweisen Sie diesen per Dauerauftrag auf Ihr Privatkonto.
  5. Regelmäßige Kontrolle: Überprüfen Sie monatlich, ob die angesparten Rücklagen mit den voraussichtlichen Steuerschulden laut Ihrer Buchhaltung übereinstimmen, und passen Sie die Sparrate bei Bedarf an.

Was tun, wenn das Konto morgen leer ist: Priorisierung von Gläubigern

Es ist das Worst-Case-Szenario: Trotz aller Pläne und Bemühungen ist das Konto fast leer und eine Flut von Rechnungen ist fällig. In dieser Situation ist Panik Ihr größter Feind. Was Sie jetzt brauchen, ist keine Hoffnung, sondern ein kühler Kopf und eine unmissverständliche Prioritätenliste. Es geht um Gläubiger-Triage: die Entscheidung, wer überlebenswichtig ist und wer warten muss. Wie aktuelle Erhebungen zeigen, erleben rund 30% aller Selbstständigen gefährliche Zahlungsausfälle – Sie sind also nicht allein. Doch Ihr Handeln in den nächsten 48 Stunden entscheidet über die Zukunft Ihres Unternehmens.

Kommunikation ist dabei entscheidend, aber sie muss strategisch erfolgen. Kontaktieren Sie Gläubiger, bevor diese Sie mahnen. Eine proaktive Nachricht, die einen Engpass erklärt und einen konkreten Vorschlag für eine Ratenzahlung oder Stundung macht, wirkt weitaus professioneller als Schweigen. Gleichzeitig müssen Sie intern eine juristisch und operativ sinnvolle Reihenfolge für Zahlungen festlegen. In Deutschland ist diese Hierarchie nicht beliebig, sondern durch Gesetze und die operative Notwendigkeit klar vorgegeben.

Ein Unternehmer im Krisenmanagement, der konzentriert telefoniert, um Gläubiger zu priorisieren.

Die folgende Prioritätenliste ist keine Empfehlung, sondern eine existenzsichernde Notwendigkeit:

  1. Priorität 1: Sozialversicherungsbeiträge. Die Nichtabführung der Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung ist eine Straftat nach § 266a StGB und kann zur persönlichen Haftung des Geschäftsführers führen. Dies ist nicht verhandelbar.
  2. Priorität 2: Löhne und Gehälter. Ihre Mitarbeiter sind Ihr wichtigstes Kapital. Ohne sie bricht der Betrieb zusammen. Zudem sichern Sie sich deren Loyalität in schweren Zeiten.
  3. Priorität 3: Finanzamt (Steuern). Auch wenn das Finanzamt hartnäckig sein kann, sind Stundungs- und Ratenzahlungsanträge oft möglich, wenn sie gut begründet sind. Suchen Sie den proaktiven Kontakt.
  4. Priorität 4: Überlebenswichtige Lieferanten. Identifizieren Sie die Partner, ohne die Ihre Produktion oder Dienstleistungserbringung sofort zum Erliegen käme. Sichern Sie diese Beziehungen durch Teilzahlungen und offene Kommunikation.
  5. Priorität 5: Sonstige Gläubiger. Alle anderen Lieferanten, Darlehen und Kredite fallen in diese Kategorie. Hier ist der größte Verhandlungsspielraum für Stundungen oder Ratenzahlungen.

Kurzfristige Linie oder langfristiges Darlehen: Welche Laufzeit schützt Ihre Liquidität am besten?

Ein häufiger Fehler, der die Liquidität nachhaltig untergräbt, ist die Finanzierung von langfristigen Investitionen mit kurzfristigen Mitteln. Wenn Sie eine neue Maschine, teure Software oder eine Geschäftsausstattung über Ihren teuren Kontokorrentkredit finanzieren, belasten Sie Ihre tägliche Zahlungsfähigkeit enorm. Das Prinzip der goldenen Finanzierungsregel besagt: Die Laufzeit der Finanzierung sollte der Nutzungsdauer des Investitionsgutes entsprechen. Kurzfristige Engpässe überbrückt man mit kurzfristigen Mitteln, langfristige Investitionen finanziert man langfristig.

Für geplante Investitionen oder als strategische Liquiditätsreserve sind Förderkredite oft die beste Wahl für Selbstständige und KMU in Deutschland. Sie bieten nicht nur günstigere Zinsen, sondern schonen durch tilgungsfreie Anlaufjahre die Liquidität in der entscheidenden Start- oder Wachstumsphase. Ein hervorragendes Beispiel ist der ERP-Förderkredit der KfW.

Fallbeispiel: KfW-Förderkredite für deutsche Selbstständige

Der ERP-Förderkredit KMU der KfW bietet bis zu 25 Mio. Euro für Investitionen und Betriebsmittel. Mit Zinssätzen ab 3,35% p.a. (Stand: Dezember 2024) und tilgungsfreien Anlaufjahren wird die Liquidität in der Startphase gezielt geschont. Ein entscheidender Vorteil für viele Selbstständige ohne große Sicherheiten: Die KfW kann bei bestimmten Varianten bis zu 80% des Kreditrisikos übernehmen, was die Kreditvergabe durch die Hausbank erheblich erleichtert.

Die Wahl der richtigen Finanzierungsform hat massive Auswirkungen auf Ihre monatliche Belastung und Ihre Gesamtkosten. Die folgende Tabelle vergleicht die Finanzierung einer fiktiven Investition von 25.000 Euro über fünf Jahre und zeigt den dramatischen Unterschied für Ihre Liquidität.

Finanzierungsvergleich für eine 25.000-Euro-Investition
Finanzierungsart Kontokorrent KfW-Darlehen
Zinssatz 10-14% p.a. 3,35-5% p.a.
Laufzeit unbefristet 5 Jahre
Tilgungsfreie Zeit keine 1-2 Jahre
Gesamtkosten (5 Jahre) ca. 7.500 € ca. 2.800 €
Liquiditätsbelastung dauerhaft hoch planbar niedrig

Operativer, Investitions- und Finanzierungs-Cashflow: Welche Kennzahl zeigt die wahre Kraft der Firma?

Um Ihre Liquidität wirklich steuern zu können, müssen Sie verstehen, woher Ihr Geld kommt und wohin es fließt. Die alleinige Betrachtung des Kontostands reicht nicht aus. Die Kapitalflussrechnung (Cashflow-Rechnung) unterteilt die Zahlungsströme in drei entscheidende Bereiche. Das Verständnis dieser drei Arten von Cashflow gibt Ihnen ein präzises Diagnoseinstrument an die Hand, um die wahre finanzielle Gesundheit und Kraft Ihres Unternehmens zu beurteilen.

Die wichtigste Kennzahl ist der operative Cashflow. Er ist der Sauerstoff Ihres Unternehmens. Diese Zahl zeigt, wie viel Geld Ihr Kerngeschäft tatsächlich generiert. Er berechnet sich aus den Einzahlungen von Kunden abzüglich aller Auszahlungen für den laufenden Betrieb (Material, Personal, Miete, Marketing etc.). Ein konstant positiver operativer Cashflow bedeutet, dass Ihr Geschäftsmodell aus sich heraus überlebensfähig ist. Ist er negativ, subventionieren Sie Ihr Tagesgeschäft – ein alarmierendes Zeichen.

Der Investitions-Cashflow umfasst alle Ein- und Auszahlungen für das Anlagevermögen (Kauf/Verkauf von Maschinen, Fahrzeugen, Lizenzen). Ein negativer Wert ist hier oft ein gutes Zeichen, denn er bedeutet, dass Sie in die Zukunft Ihres Unternehmens investieren. Ein positiver Wert könnte hingegen darauf hindeuten, dass Sie Vermögenswerte verkaufen müssen, um die Liquidität zu sichern.

Der Finanzierungs-Cashflow schließlich zeigt die Zahlungsströme zwischen Ihnen und Ihren Kapitalgebern. Er beinhaltet die Aufnahme von Krediten (Einzahlung) sowie deren Tilgung und Zinszahlungen (Auszahlung). Auch Privatentnahmen oder Einlagen fallen hierunter. Diese Kennzahl zeigt, wie stark Ihr Unternehmen von externem Kapital abhängig ist. Besonders in Branchen wie dem Baugewerbe, wo laut IfM Bonn die Insolvenzgefährdung mit 10 Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen am höchsten ist, ist die genaue Kenntnis dieser Zahlungsströme überlebenswichtig.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gewinn ist nicht Liquidität: Ein profitables Unternehmen kann insolvent werden, wenn Kundenrechnungen unbezahlt bleiben und laufende Kosten nicht gedeckt sind.
  • Proaktive Planung schlägt reaktive Panik: Eine rollierende 12-Wochen-Planung ist Ihr wichtigstes Instrument, um Engpässe frühzeitig zu erkennen.
  • Disziplin bei Steuern ist überlebenswichtig: Richten Sie ein separates Rücklagenkonto für Umsatz- und Einkommensteuer ein, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Positiver Cashflow vs. Gewinn: Warum profitable Firmen trotzdem pleitegehen können?

Es ist das große Paradoxon der Betriebswirtschaft, das viele erfolgreiche Selbstständige schmerzhaft lernen müssen: Gewinn ist eine Meinung, Cashflow ist eine Tatsache. Ihr Steuerberater mag Ihnen am Jahresende einen erfreulichen Gewinn in der Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR) oder Bilanz präsentieren. Doch dieser Gewinn auf dem Papier nützt Ihnen nichts, wenn Ihr Konto leer ist und Sie Ihre Mitarbeiter nicht bezahlen können. Dieses Phänomen, bekannt als profitable Pleite, ist eine der größten Gefahren für wachsende Unternehmen.

Der Grund für diese Diskrepanz liegt in der zeitlichen Verschiebung von Leistung und Zahlung. Sie schreiben eine Rechnung im Januar (was Ihren Gewinn erhöht), aber der Kunde zahlt erst im April. In der Zwischenzeit müssen Sie jedoch Gehälter, Miete und Material bezahlen – mit Geld, das Sie (noch) nicht haben. Wenn Sie stark wachsen und hohe Vorleistungen für neue Aufträge erbringen müssen, verschärft sich dieses Problem dramatisch. Jeder neue Auftrag saugt zunächst Liquidität ab, bevor er welche generiert. Eine Welle von Forderungsausfällen kann dieses fragile Gebilde zum Einsturz bringen. Allein im ersten Halbjahr 2024 verzeichneten deutsche Unternehmen laut einer Studie 19 Milliarden Euro an Forderungsausfällen, was die Brisanz des Themas verdeutlicht.

Deshalb ist der positive Cashflow die weitaus wichtigere Kennzahl für Ihr tägliches Überleben. Er misst den tatsächlichen Geldfluss in und aus Ihrem Unternehmen. Während der Gewinn auch unbezahlte Rechnungen und nicht-cashwirksame Posten wie Abschreibungen berücksichtigt, ist der Cashflow die harte, ungeschminkte Wahrheit über Ihre Zahlungsfähigkeit. Ein Unternehmen kann mehrere Quartale ohne Gewinn überleben, aber nur wenige Tage ohne Liquidität.

Wie Patrik-Ludwig Hantzsch, Chef der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, es auf den Punkt bringt:

Über 11.000 Firmen wurden allein von Januar bis Juni 2024 zahlungsunfähig. Wo der Umsatz fehlt, aber Zahlungsverpflichtungen weiterlaufen, bricht die Krise immer mehr Unternehmen das Genick.

– Patrik-Ludwig Hantzsch, Chef Wirtschaftsforschung Creditreform

Die Erkenntnis, dass Cashflow König ist, verändert alles. Es ist entscheidend, dass Sie sich die fundamentalen Unterschiede zwischen diesen beiden Konzepten immer wieder vor Augen führen, um die richtigen Prioritäten für Ihr Unternehmen zu setzen.

Ihr Fokus muss daher darauf liegen, den Zyklus von der Leistungserbringung bis zum Zahlungseingang (den sogenannten Cash-Conversion-Cycle) systematisch zu verkürzen. Die in diesem Artikel vorgestellten Strategien – von der rollierenden Planung über clevere Rechnungen bis hin zu den richtigen Finanzierungsbrücken – sind die Hebel, mit denen Sie genau das erreichen. Beginnen Sie noch heute damit, diese Prinzipien umzusetzen, um die Existenz Ihres Unternehmens auf ein solides, liquides Fundament zu stellen.

Geschrieben von Dr. Markus Richter, Steuerberater und Fachberater für Internationales Steuerrecht mit Fokus auf GmbH-Gestaltung und Unternehmensfinanzierung. Spezialisiert auf Bilanzanalyse und steuerliche Abschreibungsstrategien.